Poesie in der nordamerikanischen Tradition – Dylan erhält Literatur-Nobelpreis

 

Interview mit Dr. Jürgen Ehneß, Chefredakteur von guitar und Herausgeber von guitar acoustic.

Jürgen, ihr hattet vor einem Jahr in guitar eine Titelgeschichte über Bob Dylan. Wieso?


Dr. Jürgen Ehneß: Nun ja, der Mann ist nicht nur Songschreiber, sondern auch Gitarrist. [lacht] Aber im Ernst: Dylan hatte, abgesehen von seinen Folk-Platten, oft namhafte Gitarristen am Start: Mick Taylor, Mark Knopfler, natürlich Robbie Robertson usw. Darüber hinaus ist sein eigenes Fingerpicking nicht zu unterschätzen. Natürlich ist Dylan jedoch in erster Linie Songschreiber. Hendrix beispielsweise war ein überzeugter Fan.

Worum ging es denn in der Titelstory genau?

Es war ein groß angelegter Workshop zu Dylans Werk in den Jahren 1965/66, genauer gesagt: zu den drei Platten, die „His Bobness“ in diesem Zeitraum veröffentlicht hat. Die hat er nach seinen ersten Folkscheiben erstmals mit einer Band eingespielt, hat also elektrisch gespielt, was für die „Folkies“ ein regelrechter Schock war. Sein Sideman an der Gitarre war bei „Highway 61 Revisited“ Michael Bloomfield, bei „Blonde on Blonde“ war es erstmals Robbie Robertson. Die Story hatte die Überschrift „Die Erschaffung der Rockmusik“. Das klingt erstmal recht hochgegriffen, ist aber durchaus ernst gemeint.

Inwiefern?

Bob Dylan hat der Popmusik den entscheidenden Schubs gegeben, um erwachsen zu werden. Er hat die Beatles, die Stones und etliche Bands in England und den USA beeinflusst – mit seiner Musik, viel mehr aber noch mit seinen Texten. Platt gesagt: 1964 sangen die Beatles noch „She Loves You“, 1966 veröffentlichten sie „Revolver“. Das war erst durch Dylans Impuls möglich. Dylan hat die Rockmusik auf ein neues Level gehoben.

Jetzt hat Bob Dylan für seine Texte den Literatur-Nobelpreis erhalten. War das abzusehen?

Ich denke, das kam doch sehr überraschend. Kaum einer hatte ihn ernsthaft auf dem Zettel, auch wenn viele Fans seit Jahren den Nobelpreis für ihr Idol einfordern. Darunter natürlich die sogenannten „Dylanologen“, also diejenigen, die sich auf einer wissenschaftlichen Ebene mit Dylan beschäftigen. Oder vielleicht sollte man „pseudowissenschaftlich“ sagen? Ich will mir darüber aber kein Urteil anmaßen.

guitar-Chefredakteur Jürgen EhneßIst der Nobelpreis aus deiner Sicht verdient?

Ja, durchaus. Das Komitee ist ja des Öfteren für Überraschungen gut – zum Beispiel auch beim jüngst verstorbenen Dario Fo –, und im Bereich Literatur hat vermutlich jeder bisher Geehrte den Preis verdient. Die offizielle Begründung des Komitees ist: „for having created new poetic expressions within the great American song tradition“. Und das trifft zweifellos zu – trotz der Unkenrufe, die man bereits kurz nach Bekanntwerden der Entscheidung vernommen hat. Dieser Bezug auf die nordamerikanische musikalische Tradition zieht sich wie ein roter Faden durch Dylans Werk, angefangen bei den Folkscheiben über die drei „elektrischen“ Mitsechziger-Platten, die Arbeit mit The Band, die Country-Phase und „Blood on the Tracks“ bis hin zu seinem Akustik-Comeback „Good As I Been to You“ und dem Alterswerk. Sein Verdienst ist eben, aus dem traditionellen Songmaterial – Gospels, Worksongs, Blues, Folk – etwas völlig Neues, Eigenständiges geschaffen zu haben. Und zwar, indem er das Vorhandene miteinander und mit Versatzstücken aus der Literatur oder dem Alltagsleben neu kombiniert hat. Nicht umsonst gilt er auch bei vielen seiner Kollegen als größter Songpoet aller Zeiten.

Jetzt klingst du selbst fast wie ein „Dylanologe“. Bist du denn einer?

Ich denke, diese Bezeichnung drückt aus, dass man sich als Fan vollständig auf diesen einen Künstler konzentriert, also eigentlich fixiert ist. Dafür habe ich mich zu wenig mit Dylan und zu viel mit anderen Künstlern beschäftigt. Ich kenne alles, was Dylan offiziell veröffentlicht hat, finde vieles unheimlich gut, habe etliche Bücher über ihn gelesen, erkenne seinen immensen Einfluss auf die Popmusik und auf andere Künstler an. Ich finde aber bei weitem nicht alles gut, was er aufgenommen hat. Und ich interessiere mich mitnichten dafür, wann er wo welches Klo benutzt hat, wie es manche Dylanologen offensichtlich tun. Die Antwort auf die Frage lautet also: nein. [lacht]

Du hast aber immerhin schon Vorträge zum Thema Bob Dylan gehalten ...

Man hat mich gezwungen ... [lacht] Das war ein Gastvortrag an der Universität Augsburg zum Thema „Bob Dylan – (Früh-)Werk und Wirkung“. Ich habe in Literaturwissenschaft promoviert und jahrelang an Unis unterrichtet, aber das war schon ein ganz besonderes Seminar, in dem ich den Vortrag gehalten habe: „Philosophie der Rockmusik“, geleitet von meinem guten Freund Adrian Schüller, der auch für guitar schreibt. Großartiges Seminar angesichts der vielen angestaubten Themen, die die Studenten sonst so zum Gähnen bringen! Bei einer solchen Materie konnte ich ihn natürlich nicht hängen lassen. [lacht]

Herzlichen Glückwunsch zum Nobelpreis, Mr. Dylan!

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