Gibson Memphis 1959 ES-335TD
3.08.15

Wenn schon, denn schon

 

Aus dem Gibson Custom Shop wurde bereits vor Jahren eine autarke Zweigstelle ausgegliedert, für die man gar eine eigene Fertigungsstätte aus dem Boden gestampft hat. Nun hat das Gitarrenbausondereinsatzkommando verkündet, alle ES-Modelle überarbeitet zu haben. Dankenswerterweise mussten wir nicht allzu lange ausharren: Flammneu und nach Nitro duftend, liegt uns das Flaggschiff der Memphis Division, die 1959 ES-335TD, zum Test vor.

 

 

Laut Gibson-Master-Luthier Mike Voltz hat man bei der Konzeption der 2015er-Serie sämtliche Produktionsweisen hinterfragt, vorrangig vor der Fragestellung, wie man es denn früher gemacht habe. Dieser Herangehensweise kann man allenfalls mit viel Mut zur Interpretation eine nach vorne gerichtete Innovationspolitik unterstellen, aber (und jetzt kommt das große „Aber“) die Frage sollte doch immer sein: Wie kann man die Instrumente besser machen?

 

Wenn sich herausstellt, dass die heutzutage vergötterten Jahrgänge in Details anders gefertigt waren als spätere Modelle, dann ist es durchaus legitim zu fragen, ob diese Veränderungen einen positiven oder einen negativen Effekt hatten. Vielleicht weder noch, vielleicht sind es auch gar keine qualitativen, sondern lediglich klangliche Unterschiede. Hinterfragen ist also der Schlüssel zu Verbesserung. Voltz und sein Team haben ES-335-Modelle aus den verschiedenen Entwicklungsstufen untersucht und sind zu Ergebnissen gekommen, die für uns Gitarristen durchaus der Erwähnung wert sind.

 

Die Memphis Division hat sich Originalexemplare des jeweiligen Jahrgangs zur Brust genommen und sie digital vermessen. Anhand dieser neuen Erkenntnisse fertigte man die entsprechenden Pressen für Decke, Boden und Zargen. Folgerichtig bekam das ’59er Modell eine eigene Presse, wie auch das ’64er Exemplar, dessen „Micky-Maus-Ohren“ nicht ganz so rund ausfallen wie beim ’59er Gegenstück. Einerseits mag das etwas pedantisch anmuten, andererseits will der Kunde Gitarren mit möglichst originalen Specs und Zutaten. Wenn schon, denn schon …

 

Die ’59er ES-335 besteht aus dreilagigem Sperrholz (Ahorn/Pappel/Ahorn), das mittels Presse in Form gebracht wird. Der Sustainblock, der Decke und Boden verbindet und außerdem als tragendes Element für Pickups, Bridge und Tailpiece fungiert, wird aus quartersawn Adirondack-Fichte gefertigt. Er reicht dabei längs durch den gesamten Korpus, vom Halsansatz bis zum Zargen.

 

Kräftiger Hals

Unter den F-Löchern findet sich selbstredend kein Holz, sonst wäre es mit dem semiakustischen Konzept schließlich nicht weit her. Auch das Bracing der Decke wird aus Adirondack-Fichte gefertigt. Die F-Löcher sind sauber ausgeführt und abgeschliffen, keine Holzfaser befindet sich dort, wo sie nicht hingehört. Auch der Blick ins Innere des F-Lochs offenbart Sorgfalt. Der Sustainblock wurde ebenfalls sauber abgeschliffen. Potis und Toggleswitch samt Buchse wurden sauber montiert, nichts rappelt oder wackelt.

 

Das liest sich pingelig? Aber sicher, denn mal unter uns Betschwestern: Bei diesem Preis muss wirklich alles passen. Der kräftige, aber nicht übertrieben prügelmäßige Hals ist wie gehabt aus Mahagoni, die beiden Flügel der Kopfplatte sind angesetzt. Das Palisandergriffbrett der ’59er weist eine enge Maserung auf und ist ansprechend dunkel. Die Bünde sind recht niedrig, der Jumbo-verwöhnte Shred-Gott muss sich daran wahrscheinlich erst mal gewöhnen, der Bluesman ist sofort zu Hause.

 

Einen weiteren Schritt zu historischer Authentizität geht man mit dem neuen Trussrod, der in Sachen Materialzusammensetzung (Messinganker) und Durchmesser (größer als bisher) einige Veränderungen erfahren hat. Der „Kondom“-Problematik (das Einpacken der Trussrods in eine Plastikfolie, um das Eindringen von Leim zu verhindern) wirkt man mit einer Teflon-Beschichtung entgegen. So ergibt das Sinn: Neuerungen da, wo sie die Instrumente besser machen.

 

Als angenehm und die Gewöhnungsphase deutlich abkürzend erweisen sich die gerundeten Kanten des Bindings, die zusammen mit den sauber verrundeten und polierten Bundstäbchen ein entspanntes Auf-und-ab-Gleiten am Hals erlauben. Um die harten Fakten abzukürzen: Der Sattel besteht aus Nylon, was sich in leicht gezügelten Höhen bemerkbar machen dürfte, die Mechaniken sind die bekannten Tulip-Klusons, das Tailpiece besteht aus Aluminium, die Bridge aus Guss. Sämtliche Metallteile sind einem „Matt“-Finish gehalten, was einen authentischen Used-Look liefert, dabei aber die uneingeschränkte Funktionalität gewährleistet. Gut so!

 

Neue Aggregate

Richtig interessant wird es beim Blick unter die Haube. Anstelle der hauseigenen ’57 Classics oder einer der Burstbucker-Varianten kommen die neuen MHS-Humbucker zum Einsatz. Deren durchaus luftiger Klang wird von Mike Voltz mehreren geänderten Produktionsweisen zugeschrieben.

 

Die Spulen der Pickups sind insgesamt underwound, haben also weniger Wicklungen als Standard-Humbucker. Obendrauf besitzen beide Spulen eines Pickups eine unterschiedliche Anzahl an Wicklungen. Die Spulen des Steghumbuckers haben etwa 5.200 Wicklungen (Spule mit Schrauben) und 5.400 Wicklungen (Spule mit Stabmagneten). Am Hals sieht die Verteilung folgendermaßen aus: 4.900 Wicklungen bei der Spule mit Schrauben, 5.100 Wicklungen bei ihrem Gegenstück.

 

Last but not least wurden die MHS-Humbucker nicht im Wachsbad gegen Mikrophonie geimpft. Dank präziser Wickelmaschinen ist heutzutage die Produktion konstanter Pickups möglich: Einer ist wie der andere. Ein Pluspunkt, wenn man einen bestimmten Sound haben will. Denkt man an die Zeit zurück, als wahrscheinlich der Motor einer Nähmaschine die Spule drehte und der Draht von Hand geführt wurde, verwundert es wenig, dass es „den“ PAF-Sound eben nicht gibt. Jeder Pickup war anders – manche waren besser als andere. Ob sich die MHS-Humbucker einem alten PAF in den Weg stellen können, ist eine persönliche Entscheidung; ich finde sie klanglich hervorragend. Sie harmonieren großartig mit der semiakustischen Konstruktion und übertragen das akustische Element in einer schmatzenden, dabei aber perkussiv geprägten Weise.

 

Dieser höhenreichen und luftigen Soundgrundlage spielen die eigens für die Memphis Division produzierten CTS-550-kOhm-Potis direkt in die Karten. Man erinnere sich: Der Potistandard für Humbucker ist 500 kOhm, der für Singlecoils 250 kOhm. Diese Werte sind so gewählt, da sie dem spitzen Singlecoil ein wenig die Höhen nehmen und dem an sich höhenärmeren Humbucker die Höhen belassen. Besagte 550 kOhm lassen eben noch einmal mehr Höhen durch.

 

Passende Quartette

Da Toleranzen von zehn Prozent innerhalb der angegebenen Werte üblich sind, werden die Potis in Memphis von Hand durchgemessen und zu passenden Quartetten sortiert. Erneut eines dieser Details, die einem auf den ersten Blick pedantisch erscheinen, in der Summe aber eben den Unterschied ausmachen. Ein kluger Mann antwortete einmal auf die Frage, was X oder Y denn ausmache: „Jede Änderung hat Auswirkungen auf das Gesamtsystem Gitarre; die Frage ist immer, wie stark – und ob du es hörst …“ Dass sich der ganze Aufwand und die Detailverliebtheit lohnen, zeigt sich im Übrigen durchweg bei allen Sounds.

 

Die Gitarre ist offen und kultiviert. Sie rotzt nicht, sondern bringt ihre Sounds mit Attack, aber nicht spitz an den Amp. Cleansounds in der Mittelstellung der Pickups haben akustische Qualitäten, der Halspickup bluest erfrischend drauflos, und selbst mit höheren Gainsettings ist hier kein Mulm zu hören – die in die MHS-Pickups gesteckte Arbeit hat sich definitiv gelohnt. Der Stegpickup ist ein wenig heißer als der Kollege am Hals, wobei „heiß“ hier eher „dem Halskollegen in Sachen Ausgangsleistung ebenbürtig“ meint.

 

Ganz grundsätzlich muss man dieser ES-335 neben der hervorragenden Verarbeitung und dem sich unweigerlich einstellenden Gefühl, eine alte Gitarre in der Hand zu haben, schlicht und einfach attestieren, dass sie eine erstklassige Gitarre ist. Die Eingriffe, die Mike Voltz und sein Team vorgenommen haben, sind weder effektheischend noch vordergründig, sondern spiegeln wieder, was Gitarristen durchweg eint: Qualität, Detailverliebtheit und ein gewisser Hang zur Erotik in Sachen Gitarren. Die ES-335TD setzt ihrer optischen Raffinesse – und ich gebe zu, ich habe sie schlicht mal nur betrachtet – auch eine gehörige Portion Klang entgegen. Dieses Klangerlebnis ist weder ein lautes noch ein räudiges, sondern ein durchweg kultiviertes. Wenn man den Klang insgesamt beschreiben möchte, dann trifft vielleicht das Bild eines großen Konzertflügels am ehesten ins Schwarze.

 

Die Töne in einem Akkord werden sauber getrennt, ohne sich dabei voneinander abzugrenzen. Vielmehr überlagern sich die Schwingungen, ohne dabei ihr Detailreichtum oder vielmehr die ihnen eigene Präsenz aufzugeben. Apropos Detailreichtum: Eines meiner persönlichen Lieblingsdetails hat nichts mit Klang oder Verarbeitung zu tun, steht aber sinnbildlich für den Ansatz, den Mike Voltz hier fährt. Der Winkel des Schlagbretts beträgt nun historisch korrekt 45 Grad. Bei den bisherigen Modellen waren es 35 Grad. Kaum einer wird es sehen, wenn er es nicht weiß, von Detailtreue zeugt es allemal.

 

Das bleibt hängen

 

Die Memphis Division haut auf den Putz und präsentiert mit der 1595 ES-335TD 2015 eine bärenstarke Gitarre, an der schlicht alles stimmt. Das hat seinen Preis. Wer es sich leisten kann und will, bekommt eine ES-335 wie aus dem Bilderbuch. Klang, Materialien und Verarbeitung sind auf Custom-Shop-Niveau. Der Spruch „You get what you pay for  “ trifft hier im positiven Sinne ins Schwarze. Hammergitarre!

 

Stephan Hildebrand







 
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