GUITAR-DREAMS: Fender The Edge Signature-Strat & Deluxe-Amp
29.08.16

Eingespielte Doppelpartner

Lange haben die Gitarristen unter den U2-Fans auf die Signature-Strat von The Edge gewartet. Sie kann nicht nur schimmern, sondern dem dazugehörigen Deluxe-Amp auch ganz schön einheizen. Der wiederum dürfte hingegen auch Vintage-Freaks gefallen.


 

 


Wenn ein Text einen Soundtrack hätte, dann klänge an dieser Stelle „When Love Comes to Town“ vom ’88er U2-Album
Rattle and Hum am besten. Denn der Song, den die Band gemeinsam mit B. B. King aufgenommen hat, bietet eine ungefähre Vorstellung vom Sound und vom Spielgefühl des neuen The-Edge-Deluxe-Verstärkers. Seit 2014 sitzt The Edge im Verwaltungsrat von Fender, weshalb es nur eine Frage der Zeit schien, bis einer der innovativsten Gitarristen schlechthin eine Signature-Gitarre erhalten würde. Am Ende wurde er nicht nur mit einer Stratocaster, sondern zudem mit dem The Edge Deluxe geehrt. Bei beidem hat er eine Menge mitgeredet. Als guitar geek habe er sich nie gesehen, verriet The Edge jüngst in einem Interview. Als es darum ging, gemeinsam mit Fender ein Signature-Modell zu entwickeln, sei er allerdings tief in die Materie eingetaucht.

 

Tonholz

Überraschenderweise begann der Weg der The-Edge-Strat mit dem Umstand, dem Gitarristen den Unterschied zwischen einem Eschen- und einem Erlekorpus aufzuzeigen. Da seine Lieblingsmodelle zufälligerweise allesamt aus Erle gefertigt waren, fiel die Entscheidung für das Tonholz nicht schwer.

Die Herangehensweise beweist, dass die Signature-Strat nicht auf einem bestimmten Modell basiert. The Edge hatte allerdings einen bestimmten Sound im Kopf, nämlich keinen geringeren als den, der ihn unsterblich gemacht hat. U2-Klassiker wie „Where the Streets Have No Name“, „Pride (in the Name of Love)“ oder „Bullet the Blue Sky“ standen Pate. Dementsprechend diente eine ’73er Strat als Referenzmodell, die unter anderem im Video zu „Streets“ zu sehen ist und auf mehreren U2-Tourneen in den Achtzigern im Einsatz war. Auf der „Innocence + Experience“-Tour testete The Edge neun Prototypen seines neuen Modells.

In den Erlekorpus ist ein einteiliger Ahornhals mit der gro-ßen Kopfplatte der CBS-Ära der Siebziger eingeschraubt. Bei der Quarter-sawn-Technik werden aus dem Ahornstamm „Tortenstücke“ herausgeschnitten, aus denen wiederum Rohhälse gesägt werden, die sich durch „stehende Jahresringe“ auszeichnen – der normale Fender-Hals besitzt liegende Jahresrin-ge –, was ihnen mehr Steifigkeit und damit letztlich einen anderen Sound verleiht. „Der Erlekorpus verschafft dem Sound Kraft und Dichte, das Ahorn spendiert ihm ein Schimmern in den Höhen, seine Brillanz“, äußert sich The Edge zu seiner Wahl.

Bestückung

Das dezent mintgrüne Pickguard und die weißen Pickup-Kappen sorgen für den klassischen Look der Strat. Die Singlecoils sind einerseits sorgfältig ausgewählt und andererseits extra für das Modell angefertigt worden. Am Steg kommt ein DiMarzio FS-1 zum Einsatz, da The Edge den hauseigenen Tonabnehmer an dieser Position als zu harsch empfindet. In der Mitte und am Hals befindet sich jeweils ein Custom Stagger Fat 50's aus dem Fender Custom Shop.

 

Alle Pickups haben flache Magnetpole (flat pole pieces). In den Siebzigern ging der Trend weg von der umwickelten g-Saite, weshalb bei der Lautstärkeanpassung dieses Pole-Piece nach unten korrigiert wurden. Da eine ’73er Strat als Referenz diente, kommen auch hier flache Magnetstifte zum Einsatz. Selbst der DiMarzio FS-1, der serienmäßig unterschiedlich hohe Pole-Pieces hat, wurde für die Gitarre entsprechend angepasst. Die Tonabnehmer werden Fender-typisch über einen Fünfwegeschalter angesteuert. wie gehabt, sind ein Volume-Regler sowie zwei Tone-Regler für Lautstärke und Klangfarbe zuständig. Die Chrom-Hardware ist serienmäßig: Das Vibratosystem mit steckbarem Hebel ist der Deluxe-Serie entnommen; die Klemmmechaniken finden sich mittlerweile auch auf den Modellen der Deluxe- und Elite-Serie. Das moderne C-Profil des Halses liegt gut in der Hand, der Übergang zum Korpus wurde dezent abgerundet; auf diese Weise sind auch die hohen Register leicht und schnell zu erreichen. Der trockene Ton ist drahtig, bringt aber mehr Wärme mit als vergleichbare Strat-Modelle. Die schnelle Ansprache wird mit einem ansprechenden Sustain abgerundet.



Religionswechsel

Nach der Gitarre nehmen wir nun den Amp unter die Lupe. Dass The Edge einen Verstärker von Fender spielt, mag zunächst verwundern, findet sich in seinem Sound doch das typische Schimmern eines britischen Herstellers wieder. Nachdem ihm sein Guitartech Dallas Schoo 2003 für Heimaufnahmen einen ’57er Fender Deluxe vorbeigebracht hatte, fiel The Edge nach eigener Aussage vom Glauben ab: Mit einem Distortion-Pedal und einigen Drum-Loops seines Kollegen Larry Mullen Jr. schrieb er innerhalb von 20 Minuten alle Gitarrenparts der Kracher-Single „Vertigo“. Diese markiert mit ihrem deftigen Sound den Beginn des modernen U2-Sounds.

Da originale ’57er Deluxe-Amps auf Tour leicht in die Knie gehen können und schwierig zu ersetzen sind, war die Idee zum The-Edge-Amp geboren. Mit dem Fender Deluxe, der 1948 in Serie ging, verfolgte Leo Fender die Absicht, einen Amp zu produzieren, der auch bei hohen Lautstärken im Klang sauber bleiben sollte. Das Ziel wurde verfehlt, doch ironischerweise war es genau dieser gesättigte Ton, der den Deluxe zu einem der bekanntesten und beliebtesten Fender-Verstärker machte.

Entsprechend seiner Vorliebe für den Vox AC30 beherbergt das Gehäuse des Edge-Amps einen 12-Zoll-Celestion-Blue-Alnico-Speaker. Der Combo ist aus massivem Kiefernholz gefertigt. Die Seiten wurden miteinander „verzinkt“, eine stabile, professionelle Verbindungsmethode der Schreinerzunft. Genau wie das ’57er Vorbild basiert das Sondermodell auf dem von Fender „5E3“-genannten Schaltkreis. Der per Hand verdrahtete Schaltkreis wird mit zwei 12AX7-Röhren in der Vorstufe, zwei 6V6 in der Endstufe und einer 5Y3-Gleichrichterröhre zum Leben erweckt.

 

Singen und spielen

Der Tweed Deluxe, wie der Amp aufgrund seiner Verkleidung auch genannt wird, hat neben zwei Kanälen für die Gitarre zwei weitere für Mikrofone. In den Fünfzigern war es durchaus üblich, Gitarre und Gesang über einen Verstärker laufen zu lassen.

Die Bedienung ist äußerst übersichtlich gestaltet: Für Gitarre und Mikrofon stehen jeweils ein Volume-Regler zur Verfügung. Ein Tone-Regler bestimmt die Klangfarbe des Sounds. Für langlebigen Spaß wurde dem Combo ein Standby-Schalter spendiert. Auch die vor elektrischer Überspannung schützende Sicherung ist über die Oberfläche leicht auszutauschen.

Über die offene Rückseite sind die Anschlüsse für den internen Speaker und eine externe Box zu erreichen, wenn der Sound mal einen größeren Raum füllen soll. Einzig das The-Edge-Logo auf der Frontseite unterscheidet den Combo optisch von älteren ’57er Deluxe-Modellen.

Leo Fender entwickelte seine Amps einst für seine Gitarren. Dieses Credo setzt sich in der Kombination des Edge Deluxe und der dazugehörigen Strat fort. Der Combo produziert einen übersteuerten Ton, der mit dem Charakter der Strat verschmilzt, soll heißen: Die Strat kommt in ihrer vollen Blüte zur Geltung.

Besonders interessant ist dabei das Zusammenspiel der beiden Komponenten. Da der Amp bereits bei kleinsten Einstellungen zwischen 2 und 3 (von 12) verzerrt klingt, kommt der Clean-Sound erst bei niedrigen Volume-Einstellungen an der Gitarre zum Vorschein.

 

Schimmernde Höhen

Bei der Strat klingt jede Pickup-Position sehr ausgewogen. Die Dichte, die der Erlenkorpus mitbringt, führt zu einem außergewöhnlich warmen, runden Ton, der tatsächlich, wie von The Edge gewollt, in den Höhen schimmert. In diversen Foren haben The-Edge-Fans diesen chime bereits lange zu ergründen versucht, indem sie dessen Plektren samt Haltung kopiert haben. Die Strat und der Deluxe-Amp servieren den Sound von „Where the Streets Have No Name“ nun auf dem Silbertablett.

Dabei spielt die Strat in den verschiedenen Positionen erwartete und überraschende Eigenschaften aus: Der Stegtonabnehmer drückt bereits in der cleanen Einstellung, so dass der „Vertigo“-Sound nicht mehr fern ist. Wo andere Strats für das Riff von „Pride“ zu dünn klingen, setzt sich diese auch im lauten Bandgefüge mit ihrem vollen Sound durch. So dürfte der DiMarzio FS-1 durchaus eine spannende Alternative für Gitarristen sein, die an dieser Stelle satte Singlecoil-Power vermissen.

Die Zwischenpositionen sowie niedrige Tone-Einstellungen profitieren ebenfalls vom hohen Output der Strat. Zum einen ist das warme, aber prägnante Schimmern hier am deutlichsten zu hören. Zum anderen zeigen sich die Positionen auch im Solo durchsetzungsfähig. Den größten Unterschied zu anderen Strats stellt der Hals-Pickup dar. Der volle Sound verleiht dem Tonabnehmer eine Klangfarbe, die weniger an den bluesigen Sound von Stevie Ray Vaughan als an typischen Trademark-Rock-Sound erinnert. In der Zusammenfassung bietet die Edge-Strat nicht nur den typischen U2-Sound, sondern einen Ton, der flexibel einsetzbar ist.

 



Sensible Skala

The Edge verfolgt als Songwriter eine einfache Strategie: Der Sound soll die Ideen sprudeln lassen. Das schafft auch der Deluxe-Amp. Durch den zwingend notwendigen Einsatz des Gitarrenpotis wird das Spiel sehr dynamisch. So ist der zerrend drückende Ton von „Vertigo“ nur einen Dreh von „I Still Haven’t Found“ entfernt. Der Lautstärkeregler des Amps wurde für diese Version modernisiert.

Bei zunehmender Lautstärke wird der Sound nur minimal komprimiert. Vielmehr scheint der Amp richtig aufzumachen; der Klang wird richtig breit. Die höchste Einstellung ist bei zwölf Watt erwartungsgemäß sehr laut, der Ton des Instruments ist dennoch eindeutig zu erkennen. Das lässt den Combo größer klingen, als er mit seinen handlichen Maßen tatsächlich ist. Der Basston scheint bei hohen Lautstärken leicht verschwommen, und doch zeigt der Amp, dass ein Tone-Regler eigentlich genügt: Die Skala von 1 bis 12 reagiert sensibel genug auf kleine Veränderungen, so dass ein kraftvoller Rhythmus-Sound schnell erreicht ist – wenn denn der Grundsound passt. Der zweite Gitarrenkanal wird für Instrumente mit hohen Output empfohlen, also solche mit Humbuckern etwa. Die Endsättigung verhält sich ähnlich wie im ersten Kanal, weshalb auch hier das Spiel mit dem Gitarren-poti für cleane Sounds unbedingt notwendig ist. Im Zerrmodus klingen Humbucker fett und dennoch transparent. Die beiden Mikrofon-eingänge stellen zwei cleane Alternativen dar, die aufgrund ihres Frequenzgangs durchaus speziell sind. Für die ruhigen Töne nach dem lauten Erlebnis sind diese Kanäle aber genau die richtigen.

Das bleibt hängen

Ein langgezogenes „Yeah“ singt Bono, nachdem The Edge die ersten Akkorde von „When Love Comes to Town“ anschlägt. Darin spiegelt sich auch das Spielgefühl wider, das Fenders The-Edge-Strat und der Deluxe-Amp einem vermitteln. Beiden liegt ein schlüssiges Konzept zugrunde, das sich vor allem an kreative Musiker richtet.

Die Strat und der Verstärker produzieren einen Sound, der einen mit dem ersten Anschlag packt und mitreißt. Vintage-Look und -Ton des Amps spielen mit der Stratocaster ein perfektes Match. Sie tragen den schimmernden, aber fetten Sound der Gitarre, die sich mit all ihren Einstellungen als flexibles Instrument erweist. Fehlt eigentlich nur noch ein hochwertiges Delay. Das macht nicht nur The Edge Spaß! 

 

Autor: Jens Prüwer

Fotos: Christoph Przybilla

 

Hier könnt ihr euch ansehen, wie The Edge auf seiner Strat rockt:

 

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