Zukunftsmusik: Vox Starstream Type 1
26.07.16

Der Clou der Starstream ist das integrierte Aeros-D-System, bei dem das Signal der magnetischen Pickups und des Piezos mit DSP-Effekten und Modeling versehen wird, um beispielsweise neben klassischen Singlecoil- und Humbucker-Sounds auch den Klang von akustischer und zwölfsaitiger
Gitarre, Banjo, Sitar und vieles mehr abrufen zu können.
Optisch sieht das Instrument auf jeden Fall futuristisch aus: An einem „Kern“ aus Mangoholz wurden zwei Kunststoffbögen angebracht, die zum einen für eine fast typische Gitarrensilhouette sorgen und zum anderen das Spiel im Sitzen begünstigen.
Der Ahornhals mit Griffbrett aus Palisander wird sich vertraut anfühlen; hier ist alles wie bei einer „normalen“ E-Gitarre: Ein C-Profil, 22 Medium-Jumbo-Bünde, Standard-stimmmechaniken. Der Hals fühlt sich durch das nicht zu flache Profil und das Satin-Finish komfortabel an, der Zugang zu den hohen Lagen wird durch eine ergonomische Hals-Korpus-Verbindung begünstigt. Auffallend ist das angenehm geringe Gewicht, da ja nur das Kernstück aus Holz besteht. Ob im Sitzen oder am Gurt hängend: Die Starstream sollte auch für rückengeschädigte Gitarristen bequem bespielbar sein.
Das Aeros-System befindet sich hinter der Brücke. Die Stromversorgung erfolgt über vier AA-Batterien mit 1,5 Volt, die in einer Kammer auf der Rückseite gelagert werden und sich bei Bedarf schnell wechseln lassen. Die Bänke des Systems lassen sich über einen Drehschalter anwählen. Insgesamt sind neun Bänke mit Werkspresets und zwei Bänke für eigene Sounds vorhanden, wobei jede Bank über je drei Sounds verfügt. Neben den „klassischen“ Bedienelementen (Volume und Tone) ist ein Dreiwegschalter vorhanden, über den sich in der jeweilig aktiven Bank einer der drei Sounds auswählen lässt. Das Aeros-System verfügt
praktischerweise über einen Miniklinkenanschluss für Kopfhörer, so dass man damit auch ohne Amp oder Interface/Pult üben, komponieren und Sounds ausprobieren kann.



 

Anwendungen

Da die Starstream sowohl „typische“ E-Gitarrensounds (magnetische Singlecoil- und Humbucker-Klänge) als auch akustische Sounds erzeugen kann, bietet sich beispielsweise eine Lösung an, bei der man von der Gitarre aus in eine A/B-Box oder einen Splitter geht. So kann man wahlweise beispielsweise einen Humbucker-Sound zum regulären E-Gitarren-Amp senden und dann beim Umschalten auf einen Akustik-Sound das Ergebnis direkt zum Pult oder in einen Akustik-Amp schicken. Auch komplexere Optionen über ein kleines Mischpult sind so denkbar. Vox überlässt es dem User, in was für einem Setup die Gitarre genutzt wird.


In der Praxis

Rein akustisch klingt die Starstream spritzig und bissig, kein bisschen synthetisch oder ungewöhnlich, trotz ihrer Bauweise. Der Spielkomfort ist erfreulich hoch, so dass sich auch Traditionalisten sofort wohlfühlen werden. Hier hat die Gitarre also, verglichen beispielsweise mit der unglaublich teuren und futuristischen Synthaxe, deutlich die Nase vorn.
Das Vibratosystem (Vintage-Bauweise) funktioniert tadellos, sofern man nicht zu rabiat damit zu Werke geht. Leichtes Vibrato oder gemäßigte Divebombs funktionieren problemlos, wilder Einsatz à la Vai oder Van Halen macht ein Nachstimmen erforderlich. Vielleicht könnte bei der nächsten Generation der Starstream noch zusätzlich ein Tuner in das Aeros installiert werden, so dass man sich den Cliptuner an der Kopfplatte sparen kann.
Die wichtigste Frage ist natürlich: Wie klingt das Aeros-System? Handelt es sich um eine unnötige Erfindung, ein Spielzeug, einen Scherzartikel? So viel vorweg: nichts davon!
Die „reinen“ magnetischen Sounds klingen tatsächlich hervorragend. Egal, ob es brillante Einspulerklänge oder satt bratende Humbucker, schon hier ist viel Abwechslung im Angebot. Die Resultate eignen sich vorzüglich für alles von poppig-clean bis zu hartem Rock oder gar Metal (Modern-Bank); Dynamik und Musikalität gehen nicht verloren.


Synthetik – nirgendwo?

Auch synthetischer Beigeschmack ist kein Thema. Im Gegenteil: Hier werden echte Humbucker- und Singlecoil-Klänge geboten, so dass man sowohl klanglich als auch vom Spielgefühl her den Eindruck hat, eine völlig normale E-Gitarre in der Hand zu haben.
Das zuschaltbare Overdrive ist nicht nur praktisch für das Spielen über Kopfhörer, sondern kann live auch als „Gain-Booster“ vor dem verzerrten Amp genutzt werden, so wie man es mit einem Standard-Overdrive-Pedal tun würde.
Besonders gespannt war ich auf die Akustik-Sounds. Wie erwähnt wird dabei der integrierte Piezo-Tonabnehmer genutzt, und tatsächlich: Hier entstehen beeindruckende Western- und Konzertgitarrensounds, die man per Knopfdruck mit mehr oder weniger Hall versehen kann. Auch die Beschreibungen passen, denn einige Sounds erinnern eher an ein Parlour-Modell mit kleinem Korpus, andere lassen an eine große Dreadnaught denken. Die Sounds dürften im Studio eine echte Gitarre mit aufwändiger Mikrofonierung keineswegs ersetzen, aber speziell auf der Bühne ist es mit der Starstream problemlos möglich, blitzschnell von typischen E-Gitarrensounds zu denen einer Western- oder Nylonstring-Gitarre zu wechseln.
Letztere klingt tatsächlich, wie man es von Nylonsaiten kennt: warm, mit etwas weniger Sustain, artikulierter Ansprache und sanfteren Strumming-Sounds. Spieltechnische Details und Veränderungen in der Dynamik werden präzise wiedergegeben. Die Vielfalt an Sounds und die Geschwindigkeit, mit der man von akustischen zu elektrischen Sounds und zurück wechseln kann, machen die Starstream zu einem tollen Instrument für vielseitige
Gitarristen, die jedoch nicht beide Arten von Gitarren mitnehmen wollen oder können und sich den Aufwand beim Anschließen, Mischen und so weiter vereinfachen wollen.


Praktikable Stimmung

Die Zwölfsaiter-Sounds klingen teils ein wenig synthetisch, aber es ist schön, dass die Dopplung eine Oktave höher nur bei den Saiten G bis E6 eingesetzt wird, wie es auch bei einer zwölfsaitigen Gitarre passiert, denn dort sind nur die Doppelsaiten dieser Saiten eine Oktave höher gestimmt, während die Begleiter von h- und e-Saite unisono gestimmt sind.
Viele Effektgeräte, die diesen Sound simulieren, können dies nicht unterscheiden und fügen auch Noten auf H- und e1-Saite eine Oktave hinzu, was mitunter unrealistisch klingt. Das Tracking des Effekts ist tadellos. Egal, ob Picking à la „Mama, I’m Coming Home“, Byrds-Songs oder Dopplungen mit einer akustischen Zwölfsaitigen: Die Ergebnisse sind realistisch und mehr als brauchbar. Ganz abgefahren wird es in der verbleibenden Bänken Other und Special. Deren Synth-Sounds erinnern teils an die wirren Effekte, die
Buckethead gerne einsetzt, oder an das Doppeln der Gitarrenlinien mit dem Bass. Der
Sustain-Effekt lässt an Robert Fripp oder Sus-tainer-plus-Effekt-Klänge denken, wie man sie bei Steve Vai hört.
Banjo, Resonator und Sitar klingen weniger authentisch, denn natürlich werden die Charakteristiken dieser speziellen Instrumente hier digital erzeugt. Dennoch bieten sie sich als schöne Verzierung an. Sie sind auf jeden Fall einfacher nutzbar, als diese drei Instrumente mit zum Gig oder ins Studio zu nehmen oder möglicherweise (Banjo) erst noch zu
erlernen.


Blech oder Boiing?

Bei der Sitar kann man die simulierten Resonanzfahnen via Tonpoti regeln. Die gespielten Noten werden mit dem typischen „Boiing“ dieses indischen Instruments versehen (man denke beispielsweise an Ravi Shankar oder das Intro von „Wherever I May Roam“ von Metallica). Die Resonator-Simulation erinnert tatsächlich an National und Dobro und eignet sich gut zum Sliden oder für bluesige Sounds, während das Banjo typisch blechern klingt. Für den Dauereinsatz in der Bluegrass- oder Dixieland-Kapelle ist der Sound nicht realistisch genug, aber eine tolle Alternative für den Mix mit anderen Klängen.
Wer verschiedene Sounds noch schneller abrufbar möchte oder sich das manuelle Einschalten der Effekte sparen will, kann die verschiedenen Presets frei nach Wunsch auf die Userbänke verteilen. Wer also beispielsweise in Windeseile von Westerngitarre zu fett verzerrten Humbucker-Klängen wechseln muss (man denke beispielsweise an Dream Theater oder Steve Morse), kann diese beiden Sounds auf zwei Positionen des Toggle-Schalters
legen und hat dann noch einen weiteren Klang abrufbar, ohne überhaupt den Dreh-Regler am Aeros bemühen zu müssen.

 

Das bleibt hängen

Respekt! Die Starstream mit ihren Simulationen ist keinesfalls nur ein netter Scherz-artikel. Die meisten Sounds klingen tatsächlich authentisch und abwechslungsreich, und Presets wie die Synths oder die verschiedenen Zwölfsaiter könnten den Klangtüftler begeis-tern und auf der Bühne den Instrumentenpark verschlanken. Ausprobieren – aber bitte ohne Vorurteile!

 

Text: Marc Rolf

 

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