Doppelhalsiger Ausflug: Harley Benton DC-Custom 612 Cherry
12.02.16

"There’s a lady who’s sure all that glitters is gold“: Na, klingelt’s? Anders als in allen Musikgeschäften der Welt ist das Anspielen von „Stairway to Heaven“ ausnahmsweise erlaubt, ja, sogar ausdrücklich erwünscht. Denn beim Anblick der doppelhalsigen Harley Benton DC-Custom 612 Cherry erscheint sofort ein ikonisches Bild vor dem geistigen Auge: Jimmy Page, der auf sechs Saiten das Intro eines der besten Rocksongs der Musikgeschichte zupft, um zur Strophe auf zwölf Saiten zu wechseln – mit nur einer Gitarre! Unvergessen, unsterblich und dank Harley Benton nicht unmöglich.



Coole Optik

Denn die sogenannte Double-Neck aus dem Hause Thomann ist zwar genauso schwer wie ein amerikanisches Fabrikat, aber tatsächlich erschwing-lich. Die Geschichte der
Double-Neck ist so lang wie die Liste ihrer Ver-ehrer, die sich wie ein Who’s Who der Rock-musik liest: Alex Lifeson von Rush steht ebenso drauf wie Mike Rutherford von Genesis, Slash oder Steve Vai. Die Faszination daran ist auf zwei entscheidende Aspekte zurückzuführen: Jemand, der zwei Gitar-renhälse abwechselnd bedient, wirkt auto-matisch wie ein echter Könner. Ganz egal, ob lediglich Akkorde geschrubbt oder aber anspruchsvolle Fingerverknotungen ausgeführt werden. Dann wäre da noch die coole Optik: Mehr Rock’n’Roll geht nicht.
Als Vorbild für die Harley Benton diente das berühmte Double-Neck-Modell, wie es auch Jimmy Page spielte. Der Mahagonikorpus ist transparent in Cherry-Red lackiert und ziemlich kurvig. Auch die Hälse bestehen aus Mahagoni und sind – wie auch beim berühmten Original – eingeleimt. Jedoch sind sie nicht etwa mit einem Griffbrett aus Ebenholz
bestückt, sondern mit Ebonol. Der Kunststoffverbund wird für manche bundlose Bässe verwendet, da er eine hohe Haltbarkeit besitzt. Im Gegensatz zum Griffbrett aus Holz leidet es dabei nicht so sehr unter dem Abrieb durch die Saiten. Natürlich dreht das günstige Material aus Papier, das mit Phenolharz getränkt unter hohem Druck zu einer homogenen, sehr harten Masse verbacken wird, auch an der Preisschraube des Instruments. Die Saiten laufen über eine klassische Tune-o-Matic-Bridge mit Stopbar über einen Knochensattel in Mechaniken von Grover. Trapez-Inlays und ein vergilbtes Binding runden die klassische Optik ab. Insgesamt vier Humbucker sorgen für kräftige Sounds mit sechs beziehungsweise zwölf Saiten. Die 6-String hat dabei typische PAF-style-Doppelspuler mit einer Chromabdeckung, während die Tonabnehmer der zwölf-saitigen Gitarre ohne Cover auskommen.

Schaltvarianten

Die Schaltung wirkt nur auf den ersten Blick kompliziert: Mit dem Wahlschalter kann ein Paar Humbucker stummgeschaltet oder im Nu aktiviert werden. Die anderen beiden Drei-wegschalter sind für die Wahl der Pickups zuständig.
Im Trockentest ist die Gitarre leichter zu handhaben als erwartet: Der flache Korpus neigt sich im Sitzen angenehm Richtung Oberkörper, und beide Hälse sind bequem zu erreichen. Die Breite der Griffbretter entspricht dem Standard, weshalb sich die Finger schnell zurechtfinden. Im Stehen verhält es sich leicht anders: Zum einen wäre ein passender Gurt eine nette Beilage des Herstellers, zum anderen macht sich das Gewicht bemerkbar. Das Tuning erfordert Geduld und ein gutes Stimmgerät. Schließlich macht sich bei 18 Saiten schnell bemerkbar, wenn mehrere aus dem Rahmen fallen. Die Grover-Mechaniken haben für meinen Geschmack zu viel Spiel, lassen sich aber über eine Schraube einstellen.

Strumming oder Picking?

Am Verstärker ist zunächst der zwölfsaitige Part an der Reihe, wobei die Position am Steg etwas matt klingt. In der Mitte hingegen ist der Clean-Sound transparent und von Höhen dominiert. So richtig schimmert’s deshalb am Hals. Für permanentes Strumming dürfte der Sound, bei dem die Oktavsaiten richtig glänzen, fast schon zu rund und hell sein. Dennoch macht diese Position am meisten Spaß. Auch der Sound am Steg hat seine Stärken. Er eignet sich perfekt für den durchgeschlagenen Rhythmus im Hintergrund. Sollen es indes filigrane Pickings sein, klingen die Oktavsaiten mit dem Hals-Pickup am besten durch. Verzerrt mutiert der 12-String-Sound zum großen Brei. Aber dafür gibt’s ja die sechssaitige Variante.



Komprimiert und volle Wucht

Die Vintage-style-Humbucker, die unter den sechs Saiten schimmern, erzeugen einen stark komprimierten, fetten Ton, der eine Menge Zerre verträgt. Powerchords kommen mit einer tollen Wucht, die ein sattes Fundament fürs Solo legen. Auch hier gilt, dass der Sound am Steg wunderbar knurrt und knackig ist, in der Mitte crispelt und am Hals verschwimmt. Dennoch singt jede Note, wobei sich der Oberton beim Spielen andeutet und längeres Sustain dem Ton seine Form verleiht.
Zwei grundlegende Sounds fährt die Gitarre mit sechs und zwölf Saiten auf. Hinzu kommen die verschiedenen Pickup-Positionen und der Wahlschalter, der sich als echter „Ton-spender“ erweist. Sind nämlich nur zwei Pickups aktiviert und ein Hals stumm, ist der Sound wesentlich voller, als wenn beide Hälse bespielt werden können. Werden alle Pickups aktiviert, ist das Klangbild insgesamt differenzierter. Natürlich ist dabei wichtig, beim Abschlag nicht alle Saiten zu erwischen, doch das ist schnell gelernt. Und dann macht die Double-Neck richtig Spaß!

Das bleibt hängen

Die Double-Neck setzt ein optisches und klangliches Statement. Ihr Körper verspricht dabei nicht zu viel: Der Sound rockt ganze Wände ein, um im nächsten Moment wieder zu singen. Möglich macht’s die große Klangauswahl, die sich trotz übersichtlicher Möglichkeiten ergeben. Zwölf Saiten klingen nun einmal anders als sechs, weshalb allein der zweite Hals die Klangpalette zahlreicher Gitarristen gehörig erweitern dürfte.

 

Text: Jens Prüwer

 

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