Fender Jimi Hendrix Stratocaster
14.03.16

Natürlich ist das nicht die erste „Hendrix-Strat“. Es gab  beispielsweise bereits Ende der 1990er ein limitiertes Serienmodell, das auf einer für Rechtshänder umgebauten Linkshänder-Strat beruhte. Jimi selbst machte das genau anders herum, da Linkshänder-Strats Ende der Sechziger kaum zu bekommen waren – vor allem nicht in den Mengen, in denen er sie teilweise einkaufte, denn laut Legende ging Mr. Hendrix auch gerne mal mit einem Einkaufswagen in den Gitarrenladen. Also wurde eine Rechtshänder-Strat umgedreht, Sattel und Saiten wurden seitenverkehrt angebracht, und schon war die Gitarre spielbereit.

Das Modell aus den Neunzigern war sehr erfolgreich. Allerdings ist Fender bei der neuen Hendrix-Strat anders vorgegangen, denn nur einige Komponenten der Gitarre sind „linkshändig“. Das Problem bei einer komplett „umgedrehten“ Strat ist beispielsweise, dass die Potis, Schalter und Hebel teilweise beim Spielen im Weg sind. Auch der Zugang zu den hohen Lagen ist schwierig, so dass die Gitarre zwar noch originaler nach Hendrix aussieht, aber auch einiges an Eingewöhnung verlangt.
Das aktuelle Modell verfügt über einen Rechtshänderkorpus aus Erle, der mit Polyesterlack überzogen wurde. Erhältlich ist es in den Farben Schwarz und Olympic White. Dar-an angebracht ist ein Ahornhals mit großer Kopfplatte in Reverse-Ausführung. Viele Kenner des Hendrix-Sounds schwören auf umgedrehte Kopfplatten, da so die Basssaiten länger sind und somit etwas prägnanter klingen, während sich die kürzeren, hohen Saiten etwas leichter benden lassen.
Als Stimmmechaniken kommen Vintage-style-Modelle zum Einsatz. Die Saiten laufen über 21 Medium-Jumbo-Bünde und über einen Sattel aus synthetischem Knochen. Die Bridge ist ebenfalls ein Vintage-style-Modell, das ab Werk leicht schwebend eingestellt wird, um auch leichte Upbendings über den Hebel zu erlauben.

Foto: Getty Images


Die drei American-Vintage-Singlecoils wurden so montiert, wie sie es bei einer umgedrehten Leftie-Strat wären. Heißt: Der Steg-Pickup ist andersrum angeschrägt, so dass er unter den Basssaiten näher an der Bridge ist – auch dies für viele ein Faktor in Jimis unsterblichem Sound.
Insgesamt macht die Verarbeitung einen tadellosen Eindruck, und der Gesamteindruck passt durchaus zur zugrundeliegenden Zeit, den wilden Sixties, was beispielsweise auch den Hals-Korpus-Übergang angeht, der natürlich nicht so ergonomisch ist, wie man es von vielen modernen Instrumenten kennt. Modernere Faktoren wie ein Fünfwegschalter oder das Sattelmaterial – für die man sich glücklicherweise entscheiden hat – sind dabei vollkommen sinnvoll.

Bespielbarkeit




Rein akustisch erweist sich die Hendrix-Strat als sehr schwingfreudig, mit schnell ansprechenden, präzisen Bässen und kräftigen, aber dennoch samtigen Höhen. Die Bespielbarkeit ist dank des flachen C-Profils und der ab Werk eingestellte Saitenlage sehr komfortabel. Ist völlig klar, was beim ersten Einsatz am Amp kommen musste, oder? Natürlich jede Menge Riffs und Soli aus dem Katalog des Meisters. Und tatsächlich: Schon bei cleanen Passagen wie dem Intro von „Bold as Love“ oder „The Wind Cries Mary“ klingt die Hendrix-Strat verdammt authentisch. Die Pickups sind eine ausgezeichnete Wahl, denn obwohl die Gitarre an sich direkt, knackig und höhenreich klingt, addiert der Grundsound dieser Tonabnehmer genau das richtige Maß an seidiger Wärme, so dass das Instrument selbst mit brillanten Clean-Sounds nicht zu spitz klingt. Eine leicht nasale Note ist vernehmbar, und über den Amp sprechen die Bässe kräftig und knackig an. Das Einstellen des passenden Sounds ist dank des Fünfwegschalters kein Problem. In den Zwischenpositionen entstehen wunderbar flächige Klänge, wie gemacht für sanftes Akkordspiel, während sich beispielsweise Hals- oder Mittelpickup einzeln großartig für Parts wie das Intro von „Little Wing“ eignen.
Dieser Klangeindruck verfestigt sich, wenn Verzerrung ins Spiel kommt: Funkiges Spiel auf den hohen Saiten oder Riffs in den tiefen Lagen (beispielsweise „Manic Depression“) klingen enorm authentisch – nicht so kühl und klinisch, wie man es von moderner aus-gelegten Instrumenten kennt, sondern mit angenehmer Wärme, egal, über welchen Pickup man spielt. Die „Spiegelauslegung“ des Steg-Pickup-Winkels und der Kopfplatte sorgt tatsächlich für klangliche Unterschiede im Vergleich zu anderen Strats. Daher klingen die Bässe beim Spiel über den Steg-Singlecoil deutlich knackiger, während die Noten auf den hohen Saiten etwas weicher erscheinen.
Die Pickups kommen auch mit einem eher modernen Maß an Verzerrung recht problemlos klar. Hier neigen speziell große Akkorde ein wenig zum Verwaschen, was aber perfekt zum Hendrix-Sound passt und auch bei originalen Instrumenten aus dieser Zeit kaum anders wäre. Bei einem solchen hätte man jedoch weitaus mehr mit Mikrophonie zu kämpfen, die beim Testmodell selbst bei sehr hohen Lautstärken nicht zu vernehmen war. So steht den ausgiebigen Feedback-Orgien vor dem Half- oder Full-Stack nichts mehr im Weg!
Natürlich eignet sich die Hendrix-Strat nicht nur zum Spielen von Jimis Songs – auch aktuellere Spieltechniken und die unterschiedlichsten Stile machen darauf Spaß, egal, ob Blues, Funk, Pop, Fusion oder Punk. Für modernen Metal eignet sich der Sound weniger. Das war aber auch nicht die Zielsetzung. Stattdessen ist schön zu hören, wie vielseitig, dynamisch und lebendig das Teil mit cleanen, crunchigen oder stärker verzerrten Sounds klingt.



Vibratosystem

Das Vibratosystem arbeitet erfreulich stimmstabil, obwohl das auch seine Grenzen hat. Ein allzu energischer und extremer Einsatz führt zu leichten Verstimmungen. Aber wer Jimis Live-Aufnahmen kennt, weiß, dass auch er damit zu kämpfen hatte und sich damit arrangierte. Dieses Tribut-Modell dürfte weniger mit Tuning-Problemen zu kämpfen haben als einige der Gitarren, die auf den Originalaufnahmen zu hören sind. Zudem fühlt man sich beim Einsatz des Hebels direkt wohl, denn auch wenn Jimi seinen Hebel von oberhalb der Saiten bedienen musste, ist dies sehr gewöhnungsbedürftig, und der Hebel neigt dabei dazu, auch mal im Weg zu sein.
Der Spielspaß ist bei der 2016er Hendrix-Strat groß, denn egal, ob es um Songs des
Namensgebers geht (dessen Unterschrift übrigens auf der Rückseite der Kopfplatte zu finden ist), um Licks seiner Einflüsse (B. B. King, Buddy Guy, Curtis Mayfield ...) oder um modernere Spieltechniken und Songs zwischen Daft Punk, John Mayer und den Chili Peppers: Diese Strat lässt sich wunderbar bespielen und überzeugt mit viel Resonanz, großartigem
Sustain und abwechslungsreichen Sounds.

Das bleibt hängen


Jimi wäre entzückt – diese Strat ist ein liebevoller und durchdachter Tribut an Mr. Hendrix, mit einer sinnvollen Mischung aus Old-School und Moderne, aus Rechts- und Linkshändermodell, tadelloser Verarbeitung und jeder Menge Sound.



Text:Marc Rolf

Fotos: Christopher Przybilla

 

Dieses Test und weitere Tests sowie Interviews, Song-CD, Notenmaterial und Workshops findest du in der Ausgabe 03/2016.  Heft am Kiosk verpasst? Kein Problem, hier könnt ihr euch die Ausgabe jederzeit bestellen.

 

 



 
zurück zur Übersicht






guitar für iPad


















Aktuelle Ausgabe


Aktuelle Ausgabe guitar acoustic