Noten lernen: Der gebildete Gitarrist
21.03.17

Noten lernen ist keine Hexerei. In vielen Situationen ist die Verständigung unter Musikern einfacher, wenn sie zumindest Grundkenntnisse im Noten lesen haben. Dennoch sträuben sich viele Gitarristen vor dem Thema. In diesem Workshop geben wir euch Schritt für Schritt Einblick in die Geheimschrift der Musiker. Hier lernt ihr die Grundprinzipien der Notenschrift kennen: Notenlinien, Hilfslinien, Schlüssel und natürlich Notenköpfe und -hälse. Später folgen Versetzungszeichen, Tempo- und Vortragsbezeichnungen.

Einiges deutet darauf hin, dass schon die alten Ägypter im dritten Jahrtausend vor Christus versuchten, Musik schriftlich zu fixieren. Die erste vollständig entzifferte Notation stammt aus der griechischen Antike, aus der Zeit zwischen 200 vor und 100 nach Christus. Unsere heutige Notenschrift geht zurück auf die so genannten Neumen, die etwa ab dem neunten Jahrhundert in europäischen Klöstern entwickelt wurden, um gregorianische Choräle zu notieren. Zuerst waren das nur einige Zeichen, die oberhalb des Liedtextes aufgeschrieben wurden und die Winkbewegungen des Chorleiters symbolisierten. Daraus konnte man erkennen, ob die Melodie nach oben ging oder tiefer wurde.

Allmählich wurden Linien hinzugefügt, und die Symbole wurden mit relativen Tonhöhenänderungen, später absoluten Tonhöhen in Verbindung gebracht. Für das Instrumentalspiel wurden Tabulaturschriften verwendet, die anzeigten, welche Taste einer frühen Orgel gedrückt werden musste, oder welche Saite (meist einer Laute) gezupft und an welchem Bund gedrückt werden musste.

Gegen Ende des 17 Jahrhunderts schließlich hat sich das moderne rhythmische System mit Taktarten, Taktstrichen und relativen Zeitwerten etabliert. Ursprünglich richtet sich Musiknotation an den Erfordernissen des Gesangs aus. Seit dem Übergang vom Renaissance- zum Barockzeitalter ist es aber immer weiter verbreitet, auch die Instrumentalmusik in Noten festzuhalten. Seither werden auch immer weitere Zusatzzeichen entwickelt, um die spezifischen Spieltechniken einzelner Instrumente anzuzeigen.

In diesem Workshop soll es aber erst einmal um die allgemeinen Grundlagen gehen; die Feinheiten und Besonderheiten werden im weiteren Verlauf vorgestellt.


Abb. 1: Noten werden meist in einem System aus fünf Notenlinien aufgeschrieben


Abb. 2: Reichen fünf Linien nicht aus, ergänzt man Hilfslinien


Grundelemente der Notation


Noten werden üblicherweise in einem Liniensystem aus heute fünf Notenlinien aufgeschrieben. Die Noten werden im sogenannten Notensystem (Abb. 1) zwischen und auf den Linien eingetragen. Elf verschiedene Tonhöhen – die Frage der Vorzeichen betrachten wir später – finden in diesem Fünfliniensystem Platz.

Braucht man einen größeren Tonumfang, kommen die so genannten Hilfslinien (Abb. 2) zum Einsatz. Das sind kurze Linien, die parallel zum Notensystem gezogen werden. Ihr Abstand entspricht jeweils dem Zwischenraum der fünf Hauptlinien des Notensystems. Mehrere Hilfslinien können über- bzw. untereinander angeordnet werden.

Damit klar wird, welche Tonhöhe eine Note haben soll, werden die so genannten Notenschlüssel eingesetzt. Vier verschiedene Schlüsselformen sind üblich: der C-Schlüssel, der F-Schlüssel, der G-Schlüssel und ein neutraler Schlüssel, der in der Percussion-Notation eingesetzt wird.


Abb. 3: Beim Violinschlüssel liegt das g' auf der zweiten Linie


Abb. 4: Im Bassschlüssel steht das f auf der vierten Linie


Abb. 5: Der Alt- oder Bratschenschlüssel definiert das c' auf der dritten Notenlinie


Die Schlüsselform, die man am häufigsten zu Gesicht bekommt, ist der so genannte Violinschlüssel (Abb. 3). Man könnte ihn auch G-2-Schlüssel nennen, denn es handelt sich um einen G-Schlüssel auf der zweiten Linie (es wird von unten gezählt). Wer das kunstvoll geschwungene Zeichen genau betrachtet, kann darin noch den angedeuteten Buchstaben G erkennen, der in der unteren bauchigen Schleife steckt. Als Tonhöhe festgelegt wird das (eingestrichene) g’.

Obwohl die Gitarre ein sogenanntes transponierendes Instrument ist, also eine Oktave tiefer erklingt als notiert, und somit theoretisch im Bassschlüssel notiert werden könnte, bewegen wir uns nahezu ausschließlich in der Welt des Violinschlüssels. Den gitarristischen, transponierenden Violinschlüssel, der eine Oktave tiefer klingt als der reguläre, erkennt ihr an einer kleinen Acht unter dem Schlüssel. (Bild einfügen)


Abb. 6: Zum Einprägen: Die Notennamen im für Tastenspieler wichtigen Klaviersystem


Erkennbar an zwei Notensystemen mit Violin- und Bassschlüssel und der geschweiften Klammer. Prinzipielles Ziel der verschiedenen Notenschlüssel ist die optimale Nutzung des Tonraums des Fünfliniensystems, ohne dass Hilfslinien nötig werden. Hier zeigt sich wieder, dass der Ursprung des Notensystems im Gesang liegt, der möglichst Patz sparend auf dem teuren Papier untergebracht werden sollte. Instrumente – vor allem Tasteninstrumente mit ihrem riesigen Tonumfang – stellen andere Anforderungen, weshalb weitere Zeichen hinzukamen, mit denen die notierten Töne in andere Oktavlagen versetzt werden. Hier sind wir jedoch schon bei den Übungen für Fortgeschrittene. Zuerst solltet ihr euch in Abbildung 6 einmal mit den Tonnamen im für Saiteninstrumente üblichen Notensystem vertraut machen.


Abb. 7: Elemente einer Achtelnote


Abb. 8: Notenwerte von der ganzen bis zur Zweiunddreißigstelnote. Untereinander stehen jeweils halbierte Notenwerte


Elemente und Wert einer Note


Eine Note besteht normalerweise aus einem rundlich-ovalen Kopf. Dieser ist je nach Tondauer offen oder ausgefüllt. Dazu kommt der Notenhals. Ausnahme: Die ganze Note (die vier Viertel-Schlägen entspricht) hat keinen Hals. Der strichförmige Hals wird rechts an den Notenkopf angesetzt und führt nach oben; bei Tönen ab der dritten Notenlinie wird er dagegen links angesetzt und führt nach unten.

Bei Noten, die kürzer sind als eine Viertelnote, kommen ein oder mehrere Fähnchen am Hals dazu. Der Wert wird jeweils halbiert: ein Fähnchen entspricht einer Achtelnote, zwei Fähnchen der Sechzehntelnote und so weiter. Die Elemente einer Note und die verschiedenen gebräuchlichen Notenwerte seht ihr in den Abbildungen 7 und 8 auf der vorangehenden Seite. Hier seht ihr auch, dass kurze Notenwerte nicht nur mit Fähnchen dargestellt werden, sondern dass Gruppen gebildet werden können und diese durch einen oder mehrere Balken verbunden werden. Die Regeln der Balkengruppierung müsst ihr für den Anfang noch nicht beherrschen. Hier reicht es, wenn ihr versteht, dass zwei Achtelnoten mit Fähnchen genauso lang sind, wie zwei Achtelnoten, die durch einen Balken verbunden sind.


Abb. 9: Übliche Pausenwerte: ganze Pause bis Zweiunddreißigstelpause


Abb. 10: Punktierungen und Haltebögen: Die punktierten Notenwerte der ersten Zeile entsprechen den gebundenen Notenwerten der zweiten Notenzeile


In der Musik gibt es aber nicht nur klingende Töne, sondern auch Momente der Stille. Diese werden durch Pausen dargestellt. Für jeden Notenwert existiert eine äquivalente Pause. Die gebräuchlichsten Pausenwerte seht ihr in Abbildung 9.

Durch die Noten- bzw. Pausenwerte stehen dem Komponisten schon eine Menge verschiedener Zeiteinheiten zur Verfügung, um die Dauer eines Tons oder der Stille zu definieren. Doch man braucht noch mehr Möglichkeiten, um alle erdenklichen Zeiteinheiten zu nutzen. Bei den Pausen ist das noch einfach. Da kann man einfach eine halbe Pause und danach eine Viertelpause hintereinander schreiben und erhält eine Stilleperiode, die den addierten Pausenwerten entspricht.

Sollen Notenwerte verlängert werden, gibt es zwei Möglichkeiten: Haltebögen und Punktierungen. Ein Haltebogen verbindet zwei aufeinander folgende Noten gleicher Tonhöhe, so dass diese wie ein einziger Ton klingen. In der Praxis bedeutet dies, dass der an den ersten Ton per Haltebogen angehängte zweite Ton nicht neu angeschlagen wird. Er verlängert stattdessen die Dauer des ersten Tons. Auf diese Weise lassen sich beliebige Notenlängen erzielen.

Mit weniger Schreib- oder Druckaufwand ist die Punktierung verbunden. Ein Punkt rechts neben einer Note verlängert diese um die Hälfte ihres Werts. Steht die Note auf einer Linie, sitzt der Punkt im nächst höheren Zwischenraum. An punktierte Noten kann ein weiterer Punkt angehängt werden. Dieser verlängert nicht die gesamte Note, sondern die durch den ersten Punkt repräsentierte Länge noch einmal um die Hälfte. Ein ggf. vorhandener dritter Punkt verlängert den Notenwert entsprechend noch einmal um die Hälfte des zweiten Punkts. Doppelte und dreifache Punktierungen findet man aber selten, da die meisten Musiker den Notenwert nicht sofort erfassen.

Bei komplexen Werteverhältnissen sind heute Haltebögen gebräuchlicher. Einige Beispiele von punktierten Noten und ihrem äquivalenten Notenwert mit Haltebögen sehen Sie in Abbildung 10.

Tonarten und Versetzungszeichen


Es ist schon ein Kreuz mit den Noten. Diesen Satz kann man immer mal wieder hören, wenn man jemandem begegnet, der gerade neu in die „Geheimschrift der Musiker“ einsteigt.

Und nun geht es tatsächlich um Kreuze, aber auch um B- und weitere Zeichen. Keine Bange! Wir machen euch Schritt für Schritt fit im Notenlesen. Wenn ihr die Notenbeispiele 1 bis 10 durchgearbeitet habt, dürfte euch klar sein, dass eure Gitarre mehr Töne zu bieten hat, als zu lesen war – und das schon innerhalb einer Oktave. Der Grund: In der ersten Einleitung haben wir euch lediglich die Stammtöne des Notensystems vorgestellt. Am Klavier oder Keyboard finden Sie diese auf den weißen Tasten. Da gibt es ja aber auch noch die schwarzen Tasten der Klaviatur. Wann und wie diese ins Spiel kommen, klären wir unter anderem in dieser Ausgabe.


Abb. 11: Die wichtigsten Versetzungszeichen – Kreuz, B, Auflösungszeichen, Doppelkreuz (untere Zeile) und Doppel-B


Was Versetzungszeichen bedeuten


Soll innerhalb eines Notentextes nicht der Stammton – der Ton, der durch die Lage einer Note innerhalb des Notensystems bestimmt wird – erklingen, so kann er durch ein Versetzungszeichen alteriert (verändert) werden. Solche Versetzungszeichen werden auch Akzidenzien genannt. Die gebräuchlichsten Versetzungszeichen haben wir in Abbildung 11 für euch zusammengestellt.

Umgangssprachlich kann man statt Versetzungs- auch Vorzeichen hören, das ist aber nicht ganz richtig: Versetzungszeichen stehen nämlich immer direkt bei einer bestimmten Note, Vorzeichen werden unmittelbar nach dem Notenschlüssel gedruckt. Außerdem gilt ein Versetzungszeichen immer nur in dem Takt, in dem es geschrieben steht. Ausnahme: Endet der Takt mit einer übergebundenen alterierten Note, gilt das Versetzungszeichen auch für diesen Folgetakt.

Was eigentlich ein Takt ist, erfahrt ihr im zweiten großen Abschnitt dieser Workshop-Folge. Letzter Unterschied zwischen Versetzungs- und Vorzeichen: Akzidenzien gelten nur für genau die bezeichnete Tonhöhe, Vorzeichen dagegen für alle Oktavlagen.


Abb. 12: Hier seht ihr die Noten der eingestrichenen Oktave und ihre Tonnamen, jeweils mit einfachen B- und Kreuzversetzungszeichen


Was macht nun so ein Akzidens eigentlich? Man unterscheidet prinzipiell drei Grundarten von Versetzungszeichen: Ein Kreuz (ähnlich dem Rautensymbol) erhöht eine Note um einen Halbton. Zur klaren Benennung wird daher dem Stammton ein „-is“ angehängt. Aus einem „c“ wird also ein „cis“ – auf der Klaviatur die schwarze Taste oberhalb der weißen C-Taste.

Ein B-Akzidens dagegen erniedrigt eine Note um einen Halbton. An den Notennamen wird ein „-es“ angehängt. Beispiel: Aus „e“ wird „es“, allerdings wird aus „h“ kein „hes“ – hier ist in unseren Breiten der Tonname „b“ etabliert. Das dritte Versetzungszeichen im Bunde ist das Auflösungszeichen. Es sorgt dafür, dass vorher stehende Versetzungs- und auch Vorzeichen in ihrer Wirkung aufgehoben werden und der Stammton wieder erklingt. Die Stammtöne und ihre Alterationen in der eingestrichenen Oktave sehen Sie zusammengefasst in Abbildung 12.

Außer den drei genannten Akzidenzien gibt es noch das Doppelkreuz, das den Stammton um zwei Halbtöne erhöht. An den Notennamen wird zur Bezeichnung ein „-isis“ angehängt. Das Doppel-B erniedrigt eine Note um zwei Halbtöne. An den Notennamen wird ein „-eses“ angehängt. Achtung! Beim „h“ heißt die doppelte Erniedrigung „heses“. Doppelakzidenzien treten aber nicht sehr häufig auf. Sie werden eigentlich nur dann verwendet, wenn der Stammton durch ein Vorzeichen schon verändert wurde.

Als Einsteiger werdet ihr sicherlich nicht so schnell damit konfrontiert werden, genauso wie mit Sonderversetzungszeichen. In zeitgenössischer E-Musik und beim Transkribieren von ethnischer Musik, aber auch im Blues kommen auch Vierteltonversetzungszeichen zum Einsatz, um Klänge außerhalb des klassisch abendländischen Tonraums in unserem Notensystem darstellen zu können. Aber was bedeutet das alles jetzt konkret für uns Gitarristen? Bei einem Kreuz greift ihr den Ton, simpel gesagt, einen Bund höher, und bei einem B, einen Bund tiefer. Analog verhält es sich mit doppelten Versetzungszeichen. Zwei Kreuze bedeuten dementsprechend eine Erhöhung um zwei Bünde. Bei einem Doppel-B geht es den gleichen Abstand in die entgegengesetzte Richtung.

Unter guten Vorzeichen


Versetzungszeichen sind praktisch, um einzelne Töne zu alterieren. Möchte man aber ein Stück in Noten festhalten, das nicht in den Tonarten C-Dur oder a-Moll spielt, wird viel Schreibarbeit nötig.

Bei einem Stück in E-Dur müsste man vor jedes f, c, g und d ein Kreuz-Versetzungszeichen schreiben, zumindest einmal in jedem entsprechenden Takt und in jeder vorkommenden Tonhöhe. Das wäre nicht nur mühsam, sondern auch sehr fehleranfällig. Aus diesem Grund gibt es die Vorzeichen, auch Generalvorzeichen genannt. Letztere Bezeichnung ist vor allem dann sinnvoll, wenn man die oben genannten Akzidenzien umgangssprachlich als Vorzeichen benennt.

Als Vorzeichen kommen einfache Kreuz- und B-Zeichen in unterschiedlicher Anzahl vor. Die Funktion entspricht der von Versetzungszeichen: ein Kreuz steht für einen Halbton höher, ein B-Vorzeichen für einen Halbton tiefer.


Abb. 13: Damit man nicht jeder Note eines Musikstücks permanent ein Versetzungszeichen voranstellen muss, werden die Standard-Vorzeichen einer Tonart am Anfang einer Notenzeile ausgezeichnet


Die gebräuchlichsten Tonarten und ihre Vorzeichen sehen Sie in dieser Abbildung. Es können theoretisch bis zu sieben Vorzeichen auftreten, denn jeder der sieben Stammtöne einer Oktave kann alteriert werden. Anzahl und Art der Vorzeichen folgen dem so genannten Quintenzirkel, der unter anderem das Prinzip der Quintverwandtschaft von Tonarten zeigt.

Für die Aufgabe des Notenlesenlernens wichtig zu wissen ist, dass als Vorzeichen entweder Kreuze oder B-Vorzeichen eingesetzt werden. Mischungen kommen nicht vor. Welche Generalvorzeichen in einer Tonart gelten, seht ihr in Abbildung 13. Hier haben wir die diatonischen Dur- und Moll-Tonarten zusammengestellt, auf modale Skalen haben wir hier verzichtet.

Heute ist es etabliert, dass man an Art und Anzahl der Vorzeichen die Tonart eines Stücks oder eines Abschnitts innerhalb eines Werks ablesen kann. Für Musik des Barockzeitalters gilt dies z.B. nicht. Stücke in Moll-Tonarten wurden mit weniger B-Vorzeichen notiert, da in aufsteigenden Linien Töne regelmäßig aufgelöst werden mussten. Man wählte den Weg des geringeren Aufwands. Wurde bei einem Stück in c-Moll das As regelmäßig zu A aufgelöst, war es einfacher, dem Stück gleich nur zwei B-Vorzeichen (statt drei) voranzustellen. Der Klangeindruck bleibt derselbe, die Arbeit für Kopist oder Notenstecher wird dagegen einfacher.

Wichtig zu wissen: Vorzeichen gelten für das gesamte Musikstück in allen Oktavlagen. Wechselt innerhalb des Musikstücks die Tonart, wird dies durch einen Wechsel der Vorzeichen kenntlich gemacht. Nach einem Doppelstrich (doppelter Taktstrich) stehen die neuen Vorzeichen. Sie gelten ab dieser Stelle bis zum nächsten Wechsel oder bis zum Ende des Stücks.

Früher wurden die alten Vorzeichen vor dem Doppelstrich durch Auflösungszeichen aufgehoben, heute ist das nicht mehr üblich. Im Sinne von Warnakzidenzien wäre es dennoch möglich. Warnakzidenzien sind Versetzungszeichen, die nach den Regeln eigentlich nicht gesetzt werden müssten, dem Spieler aber das spontane Erfassen des Notentexts erleichtern können. Oft werden solche Warnakzidenzien auch in Klammern oder in kleinerer Schrift gedruckt, um zu zeigen, dass es sich um redundante Informationen handelt.


Abb. 14: häufige Taktarten. In der abendländischen Musiktradition hat sich etabliert, die Noten in Takteinheiten zu gruppieren


Dies hat Einfluss auf die Betonung der einzelnen Noten, erleichtert aber auch die Wahrnehmung, wenn das Notenbild den Regeln folgt und man den Rhythmus visuell wahrnehmen kann.

Takt und Taktangaben


In der Musik werden Notenwerte üblicherweise zu Gruppen gleicher Zählzeit zusammengefasst. So eine Gruppe nennt man Takt. Der Takt dient als gedachtes Rahmenwerk; welche Zählzeiten er enthält, wird durch die Taktangabe am Anfang eines Musikstücks festgelegt.

In der Regel wird die Taktangabe als ein mathematischer Bruch ohne Bruchstrich geschrieben. Neben der Bruch-Schreibweise gibt es die Taktangaben c (= 4/4-Takt) und C (2/2-Takt, alla breve), deren Schreibweisen noch aus der Zeit der so genannten Mensuralnotation stammen. Beispiele gebräuchlicher Taktarten findet ihr in Abbildung 14. Die Aufgabe des Takts ist nicht nur die reine Gruppierung von Zählzeiten.

Die Taktart definiert zuerst, wie viele Grundschläge (Zähler der Taktangabe) eines Notenwerts (Nenner der Taktangabe) zusammengehören. So enthalten die Takte eines Stücks im 3/4-Takt jeweils drei Viertelnoten. Die gespielten Notenwerte innerhalb eines Takts können aber natürlich abweichen, denn aus den Abweichungen vom Grundschlag entsteht der Rhythmus.

Wichtig ist, dass ein Takt mit Noten und Pausen unterschiedlicher Länge immer auf den Wert von drei Viertelnoten aufgefüllt werden muss. Außerdem erhalten die Grundschläge eine metrische Struktur, deren Ursprung bis zu den Versmaßen antiker Gedichte zurückreicht. Die metrische Struktur beeinflusst die Betonungen innerhalb des Takts, daher auch der Name Akzentstufentakt. Aus diesem Grund werden auch oft die Bezeichnungen Takt und Metrum gleichbedeutend verwendet.

In Notentexten findet man einfache Taktarten, bei denen eine 2 oder 3 im Zähler steht, und zusammengesetzte Taktarten, bei denen sich der Zähler in eine Addition von Zweien und Dreien zerlegen lässt. Beispiel: 2/4 ist eine einfache Taktart, 4/4 eine zusammengesetzte. Bei geraden Taktarten steht eine gerade Zahl im Zähler, bei ungeraden Taktarten eine ungerade Zahl. All diese Lesarten der Taktangabe sind für die Spielpraxis und die Betonungsverteilung wichtig, spielen für das Notenlesen aber keine weitere Rolle.

In der Notenschrift werden die Taktgrenzen durch senkrechte Taktstriche gekennzeichnet. Normalerweise sind dies einfache Striche. Um Abschnitte kenntlich zu machen, verwendet man Doppelstriche, die ja auch zum Einsatz kommen, wenn die Tonartvorzeichnung wechselt. Am Ende eines Stücks steht ein Schlussstrich, dessen zweiter Strich deutlich breiter ist. Wie Tonartwechsel sind natürlich auch Taktwechsel innerhalb eines Stücks möglich. Die neue Taktangabe wird einfach ins Notensystem geschrieben, gerne am Beginn einer neuen Notenzeile. Zur Verdeutlichung wird im Takt zuvor oft ein Doppelstrich gesetzt.

Es ist auch möglich, dass in einem Stück verschiedene Taktarten alternierend kombiniert werden. In traditioneller Volksmusik – etwa beim bayerischen „Zwiefachen“ (wechselt zwischen 3/4 und 2/4), aber nicht nur dort – kommt das immer wieder vor. Um nicht in jedem Takt oder jedem zweiten Takt eine neue Taktangabe schreiben zu müssen, werden die verwendeten Taktarten einmal hintereinander am Beginn des Stücks notiert. In Stücken, in denen die Taktart sehr häufig wechselt, ist es auch durchaus üblich, ganz auf eine Taktangabe am Anfang zu verzichten.

Ein weiteres Taktphänomen ist der so genannte Auftakt: Damit bezeichnet man den Beginn einer musikalischen Phrase mit einer Note oder mehreren unbetonten Noten vor der ersten betonten Zählzeit. Im Jazz können andere Betonungsregeln gelten. Der Auftakt ist auf jeden Fall ein unvollständiger Takt. Das heißt, dass nicht die nach der Taktangabe erforderlichen Grundschläge vorhanden sind. Der Auftakt ergänzt sich mit dem Schlusstakt zu einem vollständigen Takt.

Traditionell enden in der europäischen Musik ganztaktige Stücke auch ganztaktig; bei Bedarf wird mit Pausen vor der ersten oder nach der letzten Note ergänzt. Ein auftaktiges Stück folgt dieser Regel, verkürzt aber den letzten Takt um die Länge des Auftakts.

Irreguläre Teilungen von Notenwerten


Gleich zu Beginn dieses Workshops habt ihr die unterschiedlichen Notenwerte kennen gelernt – und dabei das Prinzip der regulären Teilung. Damit ist gemeint, dass ein Notenwert immer in zwei gleiche Teile geteilt werden kann: die ganze Note in zwei Halbe, die Halbe in zwei Viertelnoten, die Viertel- in zwei Achtelnoten und so weiter. Daneben gibt es das Feld der irregulären Teilungen, die wir Ihnen im folgenden Abschnitt vorstellen.


Abb. 15: Triolen


Triolen bringen Groove


Die häufigste irreguläre Teilung in der Musik ist sicher die so genannte Triole. Der Name leitet sich – wie viele musikalischen Begriffe – aus dem Italienischen ab: „tri“ für dreifach. Bei der Triole wird ein Notenwert nicht regulär in zwei Einheiten, sondern in drei gleich große Zeiteinheiten unterteilt. Eine ganze Note kann z.B. in eine Halbentriole geteilt werden, eine halbe Note in eine Vierteltriole, eine Viertelnote in eine Achteltriole. Beispiele für regelmäßig aufgeteilte Triolen finden Sie in Abbildung 15.

Im Notentext kann eine Triole auf unterschiedliche Arten angezeigt werden: Bei Notenwerten, die nicht mit einem (oder mehreren) Balken gruppiert sind, wird die Triole durch eine Klammer oder einen Bogen über den drei betreffenden Noten und die Ziffer 3 gekennzeichnet. Bei gebalkten Noten kann die Klammer oder der Bogen wegbleiben, wenn der Balken sich über genau die betreffenden drei Noten erstreckt. Wird die Triole nicht nur punktuell (man spricht hier auch von akzidentiell) in der Musik eingesetzt, sondern soll ein längerer Abschnitt triolisch geteilt werden, kann die Auszeichnung der einzelnen Triolen entfallen.

Kommen binäre (reguläre) und triolische Teilung gemischt vor, werden entweder die Triolen einzeln gekennzeichnet oder die so genannten Duolen – je nachdem, was weniger Arbeit beim Setzen des Notentextes macht. Als Duole werden hier Notengruppen bezeichnet, die sich in einem irregulär geteilten Abschnitt befinden, doch regulär geteilt werden sollen.


Abb. 16: Triolen können auch rhythmisiert sein


Abb. 17: Unterschied der räumlichen Aufteilung bei Achteln, Achteltriolen und punktierten Achteln


Triolen müssen selbst wiederum nicht regelmäßig aufgeteilt sein, es sind auch unregelmäßige Aufteilungen möglich: Statt dreier Noten kann z.B. auch eine Pause in der Triole enthalten sein, auch Punktierungen oder reguläre Teilungen innerhalb einer Triole sind möglich. Inzwischen sollten eure Notenkenntnisse so weit gefestigt sein, dass vermutlich das Anschauen der unregelmäßig geteilten Triolen in Abbildung 16 einfacher zu verstehen ist, als eine ausführliche Erklärung im Text.

Wie lässt sich nun aus dem Notenbild die konkrete Tondauer ableiten? Die triolisierte Achtelnote dauert ein Drittel eines regulären Viertelnotenwerts. Das ist geringfügig länger als ein regulärer Sechzehntelnotenwert. Ziel eines korrekten Notenbildes ist es, dies grafisch umzusetzen, und zwar durch die Position der Noten innerhalb eines Taktes. Schön zu sehen ist dies in Abbildung 17, wo die Einsatzpunkte von Achtelnoten, Achteltriole und Sechzehntelnote nach punktierter Achtel deutlich werden.

Für die triolisierte Viertelnote gilt übrigens als Dauer ein Drittel des Halbenotenwerts, für die triolisierte halbe Note ein Drittel des Ganznotenwerts. Um triolisierte und reguläre (= binäre) Notenwerte in einen gemeinsamen Bezugsrahmen einzufügen, wird die übergeordnete Dauer durch das mathematische Prinzip der kleinsten gemeinsamen Vielfachen ermittelt.

Es ergibt sich die Rechnung 2 x 3 = 6. Eine reguläre Achtel dauert also 3/6, eine triolisierte Achtel 2/6 einer Viertelnote. Für die anderen Notenwerte könnt ihr dies analog dazu ausrechnen.


Abb. 18: Duole in einem 5/4-Takt


Abb. 19: Bei der Quintole kommen 5 Noten auf 4 Zeiteinheiten


Anweisungen zum Vortrag


Ihr habt nun das Notensystem mit seinen Standardzeichen, Taktarten, Vorzeichen sowie Notenwerte und ihre Teilungen kennen gelernt. Auf einer Notenseite bekommt ihr aber noch weitere Informationen geboten, die den Vortrag genauer machen. Am Anfang eines Stückes, manchmal auch über Abschnitten, werdet ihr mit Tempoangaben konfrontiert. Präzise umzusetzen sind Metronomangaben. Oft steht dann eine Viertelnote zusammen mit einer Zahl. Auf diese Geschwindigkeit werden das Metronom oder die Begleitautomatik eingestellt.

Für einen agogischen Vortrag und vor allem bei klassischer Musik angebrachter sind die überlieferten italienischen Begriffe. Eine Liste der Begriffe und ihre Bedeutung haben wir in einem Kasten für euch zusammengestellt. Weitere Angaben dienen zur dynamischen Gestaltung von Musikstücken. Insbesondere Intensität und Lautstärke werden abwechslungsreich gestaltet.

Erste Einheit für die Gestaltung ist der Takt. Man spricht hier vom Akzentstufentakt, bei dem den Zählzeiten eine metrische Struktur analog zu klassischen Versmaßen gegeben wird. Im Dreivierteltakt etabliert ist etwa die Interpretationsweise „schwer – leicht – leicht“ bzw. „betont – unbetont – unbetont“. Dies lässt sich auch auf die Mikrostruktur der Lautstärkeverteilung übertragen. Im Viervierteltakt ist folgende Aufteilung die wohl Gebräuchlichste: „schwer – leicht – halbschwer – ganz leicht“.

Die grund¬legende Dynamik eines längeren Abschnitts wird dagegen durch eigene Angaben in den Noten festgelegt. Eine Übersicht der Fachbegriffe und ihrer Bedeutung findet ihr unten auf dieser Seite.


Abb. 21: häufige Artikulationszeichen und ihre Bezeichnungen


Bleiben noch die Artikulationszeichen: Unter Artikulation versteht man einerseits die Art und Weise, wie der einzelne Ton erzeugt und gebildet wird, andererseits, wie aufeinander folgende Töne miteinander verbunden werden. Die grundlegenden Tonverbindungsarten werden mit legatissimo (verfließend), legato (gebunden), nonlegato (ungebunden), tenuto (gehalten), portato (getragen), staccato (abgesetzt, abgestoßen) und staccatissimo (stark abgesetzt, äußerst kurz) bezeichnet und mit den Schriftsymbolen Bogen, Querstrich, Punkt und Keil notiert. Beispiele findet ihr in Abbildung 21.

Staccato bedeutet ein kurzes Abstoßen der Töne. Sie verstummen schon während der notierten Dauer (meist auf der Hälfte), aber nicht abrupt sondern abschwellend. Der Rest der Dauer ist stumm. Das Staccatissimo ist ein scharfes Abstoßen der Töne. Die Klingdauer ist noch kürzer als beim Staccato.

Beim Akzent werden die Töne gegenüber unbezeichnet notierten dynamisch betont. Das Akzent-Zeichen wird mitunter auch wie ein Sforzato verwendet (zum Ende der notierten Dauer hin abschwellend). Bei Keyboards und Orgeln könnte man hier mit dem Schwellerpedal nachhelfen; Bläser und Akkordeonspieler verringern den Luftdruck. Wir Gitarristen müssen uns hier kreativ mit dem Zusammenspiel von Greif- und Schlaghand sowie einer ausgeklügelten Schlag- und Dämpftechnik behelfen.

Tenuto heißt haltend, meint aber nicht legato (fließend gebunden), sondern betrifft die Amplitudenkurve des Tons. Gemeint ist, dass die Intensität für die notierte Dauer statisch gehalten werden soll. Der Tenuto-Strich wird manchmal auch mit einem Staccato-Punkt kombiniert (staccato-tenuto) und meint ein vor der notierten Dauer abruptes Abreißen der Amplitude. Saiteninstrumente, bei denen die Amplitude Klangerzeugerbedingt immer abnimmt, können dies nur andeuten.

Eine Fermate ist eine frei bemessene Längung des notierten Werts und steht meist über dem letzten Ton eines Sinnabschnitts. Der Bogen zeigt ein Binden der Töne, das so genannte Legato an. Er wird auch als Legato-Bogen oder Bindebogen bezeichnet. Der Bogen kann außerdem musikalische Phrasen anzeigen, wird dann Phrasierungsbogen genannt, oder bei Vokalmusik ein Melisma und ist dann ein Textierungsbogen. Wie man den Bogen interpretiert, hängt von Stück, Entstehungszeit und Instrument ab.

Tempoangaben


Fachausdruck : Bedeutung
accelerando : schneller werden
adagio : langsam
allegro : munter
allegretto : lebhaft
andante : gehend
andantino : bewegt
a tempo : zurück zu ursprünglichem Tempo
calando : Tempo verringern
calmo : ruhig
largo : breit
lento : langsam
morendo : ersterbend
presto : eilig
rallentando : langsamer werden
ritardando : langsamer werden
ritenuto : Tempo zurücknehmen
rubato : freie Änderung des Tempos
tempo : giusto Normaltempo
vivo : schnell

Dynamikangaben


Fachausdruck : Bedeutung
ppp = pianopianissimo : extrem leise
pp = pianissimo : sehr leise
p = piano : leise
mp = mezzopiano : halbleise
mf = mezzoforte : halblaut
f = forte : laut
ff = fortissimo : sehr laut
fff = fortefortissimo : extrem laut
sfz = sforzando/sforzato : akzentuiert laute Note oder Akkord
fp = fortepiano : schneller Wechsel von laut zu leise
< = crescendo : lauter werden
> = decrescendo/diminuendo : leiser werden
allegramente : lebhaft
appassionato : leidenschaftlich
con brio : schwungvoll
con anima : lebhaft
con forza : mit Kraft
con moto : mit Bewegung
dolente : klagend
doloroso : schmerzlich
energico : kraftvoll
espressivo : ausdrucksvoll
grazioso : anmutig
leggiero : leicht
maestoso : erhaben
mosso : bewegt
pesante : schwer
risoluto : entschlossen
scherzando : scherzend
sereno : ernst
serioso : ernsthaft
soave : sanft
sostenuto : getragen
tenerezza : zart
tranquillo : ruhig

Gitarristische Sonderzeichen


Natürlich gibt es in der geschriebenen Musik für jede Instrumentengruppe spezielle Sonderzeichen und Vortragsangaben. Besonders Gitarristen müssen sich aufgrund der mannigfaltigen Phrasierungsoptionen mit einer besonders hohen Zahl an Sonderzeichen auseinandersetzen.

Als der legendäre Steve Vai von niemand geringerem als Frank Zappa mit der Transkription seiner Songs beauftragt wurde, musste sich dieser eine ganze Reihe neuer Symbole und Möglichkeiten der Notenverschriftlichung einfallen lassen.

Einen kompakten und praxistauglichen Überblick über die gängigsten Hieroglyphen findet ihr in unserer Zusammenfassung „So geht's leichter“.

Wichtiger Tipp zum Entziffern von Noten samt Spielanweisungen: Es handelt sich dabei meist um Empfehlungen des jeweiligen Notenschreibers. Solltet ihr etwa auf einen angenehmeren oder praktikableren Fingersatz, oder eine interessantere Phrasierungsmöglichkeit, stoßen, dürft ihr natürlich gerne eure Version spielen. Wie auch in so manch anderem Themengebiet gilt auch hier: Probieren geht über Studieren!



 
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