Fender American Professional-Serie: Profi-Prügel mit Pickup-Perlen
20.03.17

Seit den Fünfzigern zählen Stratocaster und Telecaster zu den klassischen Werkzeugen. Heutzutage gibt es sie in den unterschiedlichsten Ausführungen für jeden Stil, Anspruch, Geschmack und Geldbeutel. Aber sind die „Pro“-Varianten wirklich nur was für professionelle Spielernaturen?

Fender American Professional Stratocaster


Wow, das ist aber mal ein erfrischender Farbton: Die American Professional Stratocaster sieht mit ihrer Mischung aus olivgrünem Finish, schwarzem Pickup und cremefarbenen Pickup-Kappen echt hübsch aus; ein wenig martialisch vielleicht, denn der Farbton erinnert ans Militär, aber auf jeden Fall ist die Farbe Antique-Olive eine schöne Alternative zu den klassischen Lackierungen. Der Body aus Erle ist mit Hochglanz-Polyurethan-Lack überzogen, der daran angebrachte Ahornhals wurde auf der Rückseite mit Satin-Lack versehen. Nicht nur dadurch fühlt sich der Hals sofort angenehm und vertraut an, auch das neue „Modern-Deep-C“-Halsprofil sorgt für mehr Wohlfühlfaktor. Er bietet einiges an Masse, ist aber dennoch ausgezeichnet bespielbar und sollte auch für Gitarristen mit kleineren Händen nicht zu klobig sein. Ein weiterer Pluspunkt beim Hals sind die hier verwendeten Narrow-Tall-Frets, die im Vergleich zu den eher typischen Medium-Jumbo-Bunddrähten schmaler und höher ausfallen und selbst extreme Bendings trotz des klassischen 9,5-Zoll-Halsradius zum Kinderspiel machen. Als Pickups sind drei V-Mod-Singlecoils im Einsatz, die von Fenders Pickup-Guru Tim Shaw entwickelt wurden. Sie liegen mit Widerständen von 6,4, 6,0 beziehungsweise 5,8 kOhm (von Bridge- zum Hals-Pickup) eher im Vintage-Bereich und werden ganz klassisch über ein Volume- und zwei Tone-Potis sowie einen Fünfwegschalter gesteuert. Zusätzlich ist ein Treble-Bleed-Schaltkreis installiert, der den Verlust von Höhen beim Herunterregeln der Lautstärke vermeidet. Die American Pro Strat ist tadellos verarbeitet: auch bei einem strengen Blick auf die Details gibt es keinen Grund zur Beschwerde, egal, ob es um passgenaue Fräsungen, die Abrichtung des Knochensattels oder die Saitenlage geht. Also Vibratohebel eingesteckt, und los geht’s! Direkt wird klar: Jawoll, das Teil klingt – und wie! Hier werden allerfeinste Strat-Sounds geliefert, von wunderbar schwebenden cleanen Akkorden über Knopfler-Perlen bis hin zu Blues und härterem Rock. Die V-Mods klingen ausgezeichnet und kommen klanglich mit wunderbarem Vintage-Touch daher – warm, seidig, musikalisch, kraftvoll und satt, ohne steril oder zu brachial zu klingen. Stattdessen gibt es spritzige Höhen und wunderschöne Tiefmitten und Bässe, so dass kein Frequenzbereich unnötig überbetont wird. Dieser Sound erzeugt sofort Suchtfaktor, egal, ob es um den Einsatz vor dem cleanen oder dem verzerrten Amp geht. Mit Crunch schmatzt das Instrument wunderbar los, aber auch mit höheren Gain-Settings kommen die Tonabnehmer mühelos klar, obwohl konstruktionsbedingt ein wenig Brummen im Spiel ist. Nimmt man das in Kauf, wird man mit wunderbaren Rhythmus- und Solosounds belohnt. Schmatzen, perlen, singen, brüllen? Alles gar kein Thema.

Fender American Professional Stratocaster HSS Shawbucker

Ähnlich sieht es bei der HSS-Variante aus. Hier ist am Steg statt eines Singlecoils ein Fender Shawbucker im Einsatz. Auch er stammt von Pickup-Zauberer Tim Shaw, der seine über Jahrzehnte gesammelten Erfahrungen mit dem Design von Pickups in einen neuen Humbucker hat einfließen lassen. Dieser Shawbucker ist zusammen mit zwei V-Mod-Singlecoils im Einsatz. Ansonsten sind die Specs mit denen der SSS-Variante identisch; gleiches gilt für die Fertigungsqualität. Bei beiden Gitarren fiel im Praxistest das Vibratosystem positiv auf. Der Hebel wird ganz einfach eingesteckt und rastet mit einem leisen Klicken ein. Das System war bei beiden Strats ab Werk schwebend eingestellt. Es ist feinfühlig bedienbar, um Singlenotes, Double-stops und Akkorde mit leichtem Vibrato in beide Richtungen zu versehen. Zudem beeindruckte es durch hohe Stimmstabilität selbst bei extremen Manövern am Hebel. Selbst das cat purring, wie man es beispielsweise von Steve Vai und Double-Locking-Systemen kennt, war hiermit problemlos möglich – und das ohne übermäßig große Verstimmungen. Der Shawbucker ist eine tolle Ergänzung zum Sound der American Pro Strat. Mit nur circa 7 kOhm liegt er im unteren Mittelfeld, was den Widerstand angeht, liefert dafür jedoch am Amp geschmackvolle, überaus satte und fette Sounds. Hier ist kein brutaler Hochoktanbolide im Einsatz, sondern ein wunderbar Vintage-orientierter Alnico-Humbucker mit Betonung auf kräftigen Mitten. Auch der Anteil an Höhen ist großartig, denn wo viele Humbucker zu dunkel tönen, besticht der Shawbucker durch Brillanz und Biss, ideal für klassischen Rock, Blues oder auch härtere Musikstile. Der Doppelspuler arbeitet klanglich perfekt mit seinen Singlecoil-Nachbarn zusammen – so kann man blitzschnell von satten und lebendigen Humbucker-Klängen zu glasigen Singlecoil-Cleansounds oder dem begehrten „Strat-Schmatz“ wechseln. Wer die tolle Bespielbarkeit und die Singlecoil-Sounds der American Pro Strat also mag, jedoch auch sattere, kraftvolle Zerrsounds benötigt, liegt hier goldrichtig, denn beim Shawbucker zeigt sich das enorme Know-how von Tim Shaw.


 Fender American Professional Telecaster


In der Pro-Serie ist natürlich auch eine Tele dabei. Sie ist in neun verschiedenen Farbtönen erhältlich. Beim Testmodell war der Erlekorpus mit einem wunderschönen Butterscotch-Blonde-Finish versehen: ein echter Klassiker, wie man ihn beispielsweise von „Boss“ Springsteen oder Keef Riff-Hard kennt.
Der American Pro Tele wurden diverse moderne Features gegönnt. Dazu zählen unter anderem eine neu überarbeitete Bridge mit drei kompensierten Brass-Saitenreitern, die Narrow-Tall-Frets, das Modern-C-Halsprofil und der Treble-Bleed-Schaltkreis. Auch hier sind V-Mods im Spiel, nämlich zwei V-Mod-Telecaster-Singlecoils.
Sound und Bespielbarkeit sind auch hier „zum Reinlegen“. Die American-Pro-Tele kombiniert klassisches Design und einen gewissen Vintage-Touch mit moderner Bespielbarkeit und höchstem Spielkomfort. Weite Bendings, aggressives Spiel oder ausgiebige Soloeinlagen mit weiten Streckungen sind das reinste Vergnügen und gehen ermüdungsfrei von der Hand. Klanglich wird von Twang bis Bang alles geboten. Der Singlecoil am Steg sorgt vor dem cleanen Amp für allerfeinsten Country-Twang mit drahtigen Bässen und viel Dynamik; mit Verzerrung schiebt er markerschütternde Powerchords oder brillant-bissige Soloklänge raus.




Der Kollege am Hals singt wunderbar warm und glasig, so dass verzerrte Sololinien nach Art von David Gilmour, Crunchiges im Stil von Danny Gatton oder unverzerrte Country-Licks wie bei Brent Mason gleichermaßen authentisch klingen. Beeindruckend, wie diese Tele selbst mit viel Gain klarkommt, auch wenn es hier natürlich zu Brummen kommt. Völlig egal, denn auch in diesem Bereich klingt sie druckvoll und sehr dynamisch sowie ebenso konsequent und musikalisch, wie sie es mit Cleansounds tut. Der Treble-Bleed-Schaltkreis erlaubt es, die Zerre auf Wunsch etwas zu zügeln, ohne dass der Sound muffig oder leblos wird. Im Gegenteil, die selbstbewussten Höhen bleiben beim Herunterregeln stets erhalten, so dass man ganz ohne Kanalwechsel wortwörtlich im Handumdrehen von High-Gain zu Crunch und Clean wechseln kann. Die American Pro Tele ist eine tolle Neuauflage des Klassikers mit modernen Features, ohne dass der Charme des Originals verlorengeht – wie schon der Urahn ein sexy Arbeitstier.


Das bleibt hängen


Die American-Professional-Modelle sind keine Neuerfindung des Rads, sondern erweitern die klassischen Modelle Strat und Tele mit modernen Features. Die V-Mod-Pickups klingen ausgezeichnet und treffen genau den Mittelweg zwischen Klassik und Moderne

 

Hier gehts zu den neuen Fender-Modellen der American-Pro-Reihe.

 

 

Text: Marc Rolf


Fotos: Christopher Przybilla

 

 



 
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