Stanley FX Bluesman, Classic Overdrive, Gold Mine Reverb/Shimmer & eTap2hw Tape Echo Emulator
29.07.15

Hank darf endlich ballern

 

Die Kollegen von der Insel sind mitunter recht exzentrisch unterwegs – sei es der Linksverkehr oder die Vorliebe für Hülsenfrüchte zum Frühstück. Geht es aber um Zerrsounds, dann wissen die Briten Bescheid. Drei Namen sorgen für Respekt: Marshall, Laney und ein knurrender Vox AC30. Aber auch die von Hand gefertigten Stanley-FX-Varianten wissen, wie man Töne kunstgerecht zermalmt.

 

 

Ein Besuch beim Captain in dessen Guitar Lounge in Olching (checkt mal www.captain-koerg.de) ist zwar immer was Feines. Dieses Mal aber gab’s eine kleine Überraschung obendrauf: eine ganze Ladung feinster und handgefertigter Effektpedale aus England, die Captain Guitars exklusiv im gesamten deutschsprachigen Raum verkauft. Preislich bewegen wir uns in der Oberklasse; dem nach Exklusivität dürstenden Musiker darf man erfreut mitteilen, dass man sich auch in klanglicher Hinsicht hier eher in der Premier-League als der Kreisklasse tummelt.

 

Der monatliche Output bei Stanley FX liegt bei rund 40 Pedalen. Da heißt es schnell sein – oder warten. Vorliegen haben wir zwei Vertreter der Sektion Booster/Overdrive, ein Reverb und eine Tape-Echo-Simulation. Die Gehäuse aller vier Pedale sind erfreulicherweise angenehm klein, ohne dem aktuellen Mini-Trend zum Opfer fallen: Da kann man noch richtig drauflatschen, ohne dass man was kaputtmacht.

 

Vom Format her bewegen sie sich etwas unterhalb des Boss-Pedal-Standards. Die Größe der Nano-Serie von Electro-Harmonix kann in etwa als Referenz dienen. Die Stanleys sind lediglich etwas kantiger und komplett lackiert.

 

Sämtliche von außen einsehbare Bauteile – Buchsen, die auf die Potiachsen aufgeschraubten Potiknöpfe, die helle LED und nicht zuletzt der Schalter – machen einen robusten Eindruck und bieten außerdem ein hochwertiges Griffgefühl. Dass der Schalter so richtig geil klackt beim Schalten, ist dabei nur ein weiterer Pluspunkt. Zugegebenermaßen ein persönlicher Fetisch des Autors …

 

Für die Pedale Bluesman, Classic Overdrive und den Gold Mine Shimmer/Reverb gilt übrigens, dass wir es hier mit einem echten True-Bypass zu tun haben: Unser empfindliches Gitarrensignal durchläuft also die Schaltung des Effekts ausschließlich bei aktiviertem Pedal; bei deaktiviertem Pedal wird das Signal von Buchse zu Buchse weitergereicht, was im Idealfall so klingt, als wäre eben kein Pedal in der Signalkette. Der Aufbau der Pedale gleicht sich in den wesentlichen Punkten: rechts ist die Inputbuchse, links die Outputbuchse, der 9-Volt-DC-Anschluss befindet sich stirnseitig.

 

Bluesman

Der Bluesman, übrigens passend in knalligem Blau lackiert, ist ein moderater Overdrive, der seine Stärken eher im Boost-Bereich denn im Zerrsektor hat. Stanley FX bezeichnen ihn als low to medium gain overdrive, was sich als keinesfalls übertrieben erweist. Sämtliche Sounds bewegen sich im Bereich eines aufbrechenden oder vielmehr aufgrund der Lautstärke einknickenden Röhrenamps: Es brutzelt und cruncht bei harten Anschlägen. Brett ist das nicht, entspricht aber der Aufgabenstellung eines Bluesman.

 

Die drei typischen Regler Gain, Tone und Level regeln ihrer Bezeichnung entsprechend die Verzerrung, die EQ-Sektion beziehungsweise den Output des Kameraden. Letzterer erweist sich als angenehm kräftig, was einen AC15 im Cleankanal schon mal ins Schwitzen bringt. Stets erweist sich der blaue Helfer dabei als musikalischer Kollege, der keine Probleme hat, den Gitarristen dabei zu unterstützen, wenn dieser Volume oder Tone an der Gitarre bemüht.

 

Vorbildlich klart der Bluesman beim Zurückdrehen des Volume-Potis auf. Ein Zudrehen des Tone-Potis kommentiert er mit einem claptonesken woman tone. Auch B. B. Kings eher höhenarme Sounds ohne Gainanteile können mit Griff zum Tone- und Drive-Regler in kultivierter Manier dargeboten werden. Dabei wird der Bluesman selten ungehobelt. Er ist kein Rauhbein, sondern eher ein Feingeist. Harter Anschlag wird mit erhöhter Kompression und Overdrive quittiert, zarte Anschläge klaren wunderbar auf. Stets finden sich aber süßliche Andeutungen schmutziger Bluesklänge im Gesamtbild./p>

 

Ganz hervorragend macht sich unser kleiner Blauer vor einem ordentlich pumpenden Amp. Ist dieser schon in der Sättigung, dann vermag der Bluesman ihm einen ordentlichen Tritt zu verpassen. Frei nach Nigel Tufnel gibt es hier den extra push over the cliff: Der Bluesman ist quasi eure 11! Spaß beiseite: Crunch-Amps werden so in hart rockende Bereiche getrieben, palm-mutes drücken, es bleibt aber dynamisch – in den Grenzen, die einem der Amp steckt. Der Bluesman kann natürlich nur im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten seine Stärken ausspielen.

 

Der Bluesman ist nicht billig, mit knapp 200 Tacken eher im höheren Preisbereich, aber: Es ist Handarbeit, es kommt (noch) aus der EU, und wenn man sich anschaut, was diverse Pedale anderer Hersteller kosten – die nicht von Hand gefertigt werden –, relativiert sich dieser Umstand recht deutlich.

 

Classic Overdrive

Overdrives sind in 90 Prozent aller Fälle grün lackiert (außer sie führen den Begriff „Blues“ im Namen, dann darf’s blau sein). Schuld ist natürlich der Tube Screamer, egal, ob TS808, TS9 oder sonstige Verwandte. Vorbild des Classic Overdrive waren denn auch die beiden ersten Varianten des grünen Themas. Nicht schon wieder, möchte man da beinahe unken. Noch eine TS-Variante? Die zigtausendste inzwischen. Ja, selbstverständlich, schließlich hat Ibanez mit dem Tube Screamer eine verdammte Bank in Sachen Overdrives geschaffen; der TS ist schlicht die Referenz.

 

In diesem Sinne erweisen Stanley FX dem altehrwürdigen Klassiker ihre Ehrerbietung, indem man sogar den legendären JRC4558D-Chip verwendet. Sauber – und dem liebäugelndem Käufer hat man direkt ein Argument geliefert. Exklusivität, gepaart mit bewährter Technik: Das versteht selbst die gitarrenfeindlichste Ehefrau.

 

Sahnequalitäten

Der Chip mag gleich geblieben sein. Verändert wurde dennoch einiges. So bekam etwa der Tone-Regler einen etwas anders geartetes Regelbereich spendiert. Er packt in den Bässen kräftiger zu, die Höhen fallen etwas weniger schneidend aus. Diesen grünen Kollegen kann man auch als Quasi-Cleanboost einsetzen: Level voll auf, Drive komplett zu, und es drückt viel Signal und wenig Schmutz in die Vorstufe. Der Tone-Regler lässt vom nasal-dumpfen Rhythmussound bis zum singenden Lead alles zu.

 

Erstaunlich, wie flexibel sich dieses jahrzehntealte Design immer wieder aufs Neue zeigt. Der Classic Overdrive hat die Dynamik-gene des Bluesman mitbekommen, wenngleich er aufgrund seines kräftigeren Zerrvermögens Abstriche machen muss. Alle Regler voll auf, rein in den Cleankanal und dann per Volume-Poti an der Gitarre wieder runter in Glasklar? Das geht nicht. Bremst man sich aber bei Drive und Tone ein, dann entstehen rauchige SRV-Sounds, P90-Kniften rotzen, was das Zeug hält, und eine Les Paul kann am Hals endlich Sahnequalitäten zeigen.

 

Der Classic Overdrive ist ebenfalls kein Schnäppchen, weiß aber durch hochwertige Sounds zu überzeugen. Die Argumente hinsichtlich Handarbeit, Herstellungsland et cetera gelten hier uneingeschränkt. Geilerweise ist die LED beim Classic Overdrive ebenfalls grün. Kann man machen!

 

Gold Mine Reverb/Shimmer

Raus aus rauhen Zerrgefilden, rein ins reverb-erfüllte Cleanland: Der Gold Mine Reverb/Shimmer ist, was seine Innereien anbelangt, definitiv kein Vintage-Sklave. Vielmehr nutzen Stanley hier, was sich technisch bietet. In diesem Fall erzeugt etwa ein DSP (Digital Signal Processor) unser Signal. Der Gold Mine ist schlicht ein digitaler Vertreter seiner Zunft. Dank dieser digitalen Flexibilität sind drei verschiedene konventionelle Hall-Sounds möglich: Room, Hall und Plate.

 

Eine vierte Option namens „Shimmer“ gibt das Effektsignal deutlich höher wieder zurück. Man hat das Gefühl, einen Octaver oder Harmonizer irgendwo im Hintergrund zu hören.

 

Kontrolliert wird der Gold Mine mittels vier Reglern: Effect steuert die Reverb-Variante oder aktiviert den Shimmer-Effekt, Mix regelt erwartungsgemäß den Anteil des Effekt- im Verhältnis zum Originalsignal. Interessant wird es beim Regler Decay, der gewissermaßen die Räumlichkeit des Halls regelt.

 

Gruß aus den Alpen

Zugedreht ist der Hall akzentuiert und wirkt, als sei der Raum sehr klein, beinahe „dosig“ – ein Sound mit Lo-Fi-Charme. Dreht man Decay hingegen auf, dann grüßen die Alpentäler: Es wird weit, räumlich, und das Reverbsignal bekommt viel Platz – Stadionfeeling!

 

Damping hat die Funktion eines Treble-Cuts. Die hohen Frequenzen des Reverb-Signals können entweder rausgefiltert oder schlicht durchgelassen werden. Damit sind tonale Feinabstimmungen des Signals bei aktiviertem Effekt möglich. Shimmer ist letztlich eher was für Spezialisten. Hier tut man gut daran, dem Tipp des Herstellers Folge zu leisten und die Settings in niedrigen Bereichen zu halten. Spaßeshalber komplett aufgedreht, schaukelt sich das Signal hoch und wird zur Kakophonie des Shimmergrauens. Also, geil ist das schon, wird aber die Bandkollegen nerven. Eher was für das Finale eures Solos ...

 

Dezent eingesetzt, ist Shimmer bei Clean-Sounds ein echtes Highlight, da es dem Sound eine singende und beinahe orgelähnliche Qualität verleiht. Nix für Blueser, aber The-Edge-Aficionados werden frohlocken.

 

Der Gold Mine bietet viel Flexibilität. Sein Preis von knapp 220 Euro bewegt sich angesichts der erstklassigen Sounds durchaus im angemessenen Bereich.

 

etap2hw Tape Echo Emulator

So klein und doch so vollgepackt mit Features. Da kommt man fast auf die Idee, einen gewissen Gallier zu zitieren: „Die spinnen, die Briten!“ Stanley FX servieren mit dem etap2hw eine randvoll gepackte Dose Shadows- und Hank-Marvin-Sounds: sieben verschiedene Echo-Emulationen plus ein Reverb/Tremolo, diverse Patches sowie voreingestellte Delayzeiten und hastdunichtgesehen. Das Handbuch ist dein bester Freund …

 

Kontrolliert werden die Echosignale von den Reglern Emulation und Patch sowie Feedback und Dry/Wet. Letztere beide regeln den Anteil der Echowiederholungen oder die Intensität des Tremolos.

 

Emuliert werden die Tape-Echos, die Hank Marvin bei den Shadows eingeführt hat: Meazzi Echomatic I Model „J“ Classic, Meazzi Echomatic I Model „F“ Special, Meazzi Echomatic II Bank, Vox Longtom Classic, Meazzi Echomatic II Classic und das Roland Model 301 Mode 5. Es handelt sich wahrlich nicht um eine x-beliebige Tape-Echo-Emulation.

 

Gordischer Knoten

Dabei können nicht nur die einzelnen Echomodelle samt voreingestellter Delayzeiten emuliert werden, sondern auch verschiedene Wiedergabeköpfe. Die fixen Delayzeiten ergeben sich aus den fixen Positionen der Wiedergabeköpfe bei Tape-Echos.

 

Der Regler Emulation interagiert dabei mit dem Regler Patch. In den Emulation-Stellungen EIJ, EIF, EIS, E2B und VOXL werden mittels Patch-Regler verschiedene Wiedergabekopfkombinationen und entsprechend unterschiedliche Delayzeiten realisiert. Bei den restlichen Stellungen E2C (im Manual als EIIC bezeichnet), 301 und TR agiert der Patch-Regler wie jedes andere Poti im Bereich von 0 bis 10. Die Sounds sind – auch wenn es sich um Klänge für Spezialisten handelt – durchweg lebendig, warm und inspirierend. Allerdings fällt der Einstieg in die Materie schwer. Das hat nichts mehr mit einem Plug’n’Play-Delay-Pedal zu tun. Damit hat das eTap2hw als einziges der vier Pedale einen Hang zum Komplexen und Speziellen. Klanglich ist es hervorragend. Nachdem der Tester aufgegeben hatte, wirklich alles verstehen zu wollen, und stattdessen einfach zu spielen anfing, löste sich die Verwirrung auf – die Gitarre zerschlug den Gordischen Knoten der Delay-Verwirrung.

 

Das bleibt hängen

Stabile Verarbeitung, exquisite Klangergebnisse: Die Klasse der Stanleys ist offenkundig. Bluesman und Classic Overdrive sind konventionell gehalten, bieten ihre jeweiligen Sounds aber in Topqualität an. Auch Gold Mine offeriert trotz zahlreicher Möglichkeiten einen schnellen Einstieg und eine Vielzahl erstklassiger Klänge – und wenn man eTap2hw einfach spielt, statt ihn zu studieren, dann klappt’s auch mit dem Echo. Die Qualität ist hoch, das Wissen um die Exklusivität der Pedale lässt einen beim Blick aufs Board ein wenig schmunzeln, und preislich bewegt man sich kaum außerhalb des in dieser Klasse Üblichen.

 

Stephan Hildebrand



 
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