Relish Guitars Cherry Jane
29.07.15

Gitarre 3.0

 

Es gibt wenige Instrumentalisten, die in ihren Ansichten und der Wahl ihrer Instrumente konservativer sind als Geiger. Ein Instrument muss aus Italien stammen, und wenn es jünger ist als 200 Jahre, kann es gar nicht gut sein. Umso überraschender ist, dass der deutsche Musikinstrumentenpreis 2015 des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie ausgerechnet an eine neu gestaltete Violine aus – Achtung – Kohlefaser ging.

 

 

 

Manchmal hat man nur eine Chance, wenn man fast alles über Bord wirft und es mit einem völlig anderen Ansatz versucht. Die beiden Schweizer Musiker, Designer und Tüftler Pirmin Giger und Silvan Küng sind so vorgegangen. Seit etwa fünf Jahren entwickeln sie unter dem Namen Relish Guitars ihr Konzept einer modernen Gitarre und entfernten sich dabei so weit von der Erscheinung und der Konstruktion einer traditionellen E-Gitarre, dass man kaum noch in „Sieht-aus-wie“-Kategorien denken kann. Für alle Traditionalisten ist das natürlich ein Affront, aber jeder fortschrittlich eingestellte Gitarrist wird sich freuen, dass endlich jemand neue Ideen hat und diese auch umsetzt.

 

Relish Guitars machen vieles anders, allen voran beim Korpus. Bei oberflächlicher Betrachtung handelt es sich um ein semi-akustisches Instrument. Selten lag bei einer Gitarre mit hohlem Korpus dieser Begriff derart daneben! Die Basis besteht aus einem Rahmen aus Aluminium mit einer durchgehenden Mittelstrebe. Daran sind sowohl der Hals als auch der Steg befestigt. Letztlich sind Boden und Decke nichts weiter als Begrenzungen des Korpus; akustisch sind sie nicht relevant, und die verschiedenen Holzarten, in denen sie angeboten werden, schon gar nicht.

 

Hoher Aufwand

Decke und Boden bestehen aus Sperrholz ... und endlich darf dieses ungeliebte „böse Wort“ auch mal geschrieben werden, denn Relish Guitars selbst verwenden es. Die Teile werden nach genauen Vorgaben der Designer aus Furnierhölzern gepresst. Hier stehen bisher als Varianten Kirschholz („Cherry Jane“), Esche („Ashy Jane“) oder Nussbaum („Walnut Jane“) zur Verfügung. Dieses Verfahren ist aufwändig, denn vorher müssen entsprechende Formen gebaut werden. „Wir haben die Vorlagen mit einer CNC-Fräse grob vorgefertigt und dann mit der Hand nachgearbeitet“, erklärt Pirmin Giger. „Diese wurden dann gescannt, woraus die Form entstand.“ Ein nicht geringer Aufwand also, der aber durch die dadurch entstandene Ergonomie gerechtfertigt ist.

 

Die Decke erhält bereits bei der Fertigung drei Öffnungen. Zwei für die Pickups – und eine für einen massiven Aluminiumblock, der den Steg mit dem Aluminiumrahmen verbindet.

 

Bereits hier zeigt sich das völlig andere Konzept, denn die Decke ist gar nicht dazu gedacht, mitzuschwingen. Die Schwingungsübertragung konzentriert sich auf den Hals, die Mittelstrebe des Alurahmens und den Steg. Das merkt man auch, wenn man das Instrument spielt, denn man spürt praktisch keinerlei Vibration des Bodens.

 

Wer nun mit dem Argument kommt, dass ein Instrument, das nicht schwingt, auch nicht klingt, sollte sich folgendes überlegen: Jede Bewegung eines Teils muss von irgendetwas in Bewegung gesetzt werden. Und das kostet Energie. Diese Energie wird der schwingenden Saite entzogen – die in der Folge weniger lang schwingen wird. Mit anderen Worten: Diese Konstruktion hat das Potenzial, ein längeres Sustain zu liefern.

 

Hypermoderne Schaltung

Der mittelstarke Hals besteht aus Ahorn und ist mit dem Aluminiumrahmen direkt verschraubt. Darauf befindet sich ein Griffbrett aus Bambus. Das ist dieses Zeug, das beispielsweise in Vorgärten gedeiht, in den subtropischen Regionen Asiens je nach Art jedoch sehr hoch und sehr schnell wachsen kann. Und ja, daraus kann man Gitarren bauen.

 

Die sehr harten Bambusfasern – eigentlich handelt es sich um ein Gras – werden zu einem Verbund zusammengefasst und thermobehandelt, was zu sehr dunklen Strukturen führen kann. Tatsächlich sieht das Griffbrettmaterial bis auf die Struktur der Poren nicht wesentlich anders aus als Palisander. Alle Instrumente von Relish Guitars sind mit Pickups des Schweizer Herstellers Good Tone ausgestattet. Im Fall der Cherry Jane sind es die Modelle Vintage 59 PAF. Diese Tonabnehmer besitzen Humbucker-Standardabmessungen, können also schnell gewechselt werden.

 

Dazu kommt, dass die Verbindung im Inneren der Gitarre nicht gelötet, sondern mit verschraubten Steckern realisiert wird. Bei entsprechend vorbereiteten Pickups ist der Wechsel von einer Bestückung zur anderen eine Sache von wenigen Minuten. Interessant ist die hier verwendete Schaltung, denn von außen sieht man nur zwei Potis und zwei helle Punkte, die man erst mal nicht einschätzen kann. Dabei handelt es sich um LEDs, die den gerade aktiven Pickup anzeigen. Man kann sie von der Position des Spielers recht gut sehen, bei einer etwas steileren Spielpositionen kann allerdings die LED des Stegpickups vom Knopf des Volume-Potis verdeckt werden. Bei den Potis handelt es sich um ein Volume- und ein Tone-Poti. Wie aber werden die Pickups umgeschaltet? Dafür werden kapazitive Sensoren verwendet, die alleine durch Handauflegen geschaltet werden. Das funktioniert richtig gut: Ein Fingertipp auf die entsprechende LED schaltet den Pickup mit einem leisen Klicken ein. Dieses Geräusch stammt von den verwendeten Relais und ist ausdrücklich nicht über den Verstärker zu hören. Auch gleichzeitiges Schalten beider Pickups ist möglich, wenn man die ganze Hand benutzt oder nacheinander über beide Sensoren wischt.

 

Allerdings reagieren sie nicht so schnell, dass typische Killswitch-Sounds möglich wären. Die Schaltung benötigt zwar eine Batterie, der Signalweg durch die Relais ist jedoch passiv und verändert den Klang der Pickups nicht. Ist die Batterie leer, sind die Relais allerdings in der „Aus“-Position. Geschieht die Umschaltung also zunehmend träge und unzuverlässig, ist es laut Entwickler Pirmin Giger an der Zeit, den eingesetzten 9-Volt-Block zu wechseln. Ein jährlicher Wechsel – und man ist auf der sicheren Seite.

 

Um die Batterie oder die Saiten zu wechseln, muss man das Instrument öffnen. Dazu benötigt man als Werkzeug lediglich ein Pick. Hiermit hebelt man die hintere Klappe auf, die fast über die gesamte Rückseite reicht, und die mit Hilfe von Magneten an ihrem Platz gehalten wird. Diese Klappe wird aus dem fertigen Boden mit einem Laser herausgeschnitten – das Auge freut sich über die durchgehende Maserung. Der Blick ins Innere ist ein Genuss für alle, die saubere Handarbeit und aufgeräumte Technik mögen. Mit 3,2 Kilogramm liegt das Gewicht im unteren Mittelfeld; die Gitarre hängt sauber ausgewogen am Gurt.

 

Wenn es einen Preis für Ergonomie gäbe – das Instrument von Relish Guitars wäre ein ganz heißer Anwärter darauf. So angenehm und unbehindert lässt sich kaum eine andere Gitarre spielen. Durch die Wölbung der Decke liegt der rechte Arm sehr bequem und kann sich ungehindert bewegen, ohne sich anstrengen zu müssen. Während man beispielsweise einer Strat nachsagt, man müsse um jeden Ton kämpfen, stellt die Cherry Jane das genaue Gegenteil dar. Sie spielt sich nicht von alleine, natürlich nicht. Aber man kann sich auf die Musik konzentrieren, statt mit den Unwägbarkeiten der Materie kämpfen zu müssen, denn sie besitzt kein unerwartetes Eigenleben, sondern wartet nur darauf, all das umzusetzen, was man hineingibt. Der Vergleich zwischen einem Porsche aus den 1960er Jahren und einem modernen BMW drängt sich auf.

 

Ungeheures Sustain

 

Der Trockensound der Cherry Jane ist ausgewogen und gefühlt edel. Er unterscheidet sich deutlich von dem einer üblichen Solidbody, aber auch von dem einer Semisolid wie der ES-335. Die Mitten sind prominent im Klangbild vertreten, der Klang wirkt darüber hinaus warm und lebendig. Eine übermäßige Brillanz aufgrund des Metallanteils ist überraschenderweise nicht zu hören. Das Sustain ist beeindruckend lang und selbst in den hohen Lagen gleichmäßig. Die beiden Pickups liefern einen durchsetzungsfähigen Sound, der seine Stärken vor allem in angecrunchten Gefilden hat. Alle Arten von Akkordarbeiten, die sich in diesem Dynamikbereich bewegen, sind ausgezeichnet zu realisieren, und es ist ein Genuss, alleine mit dem Anschlag zwischen leicht schmutzig und kräftigem Crunch überblenden zu können. Auch Cleansounds kommen überzeugend und spritzig, erreichen mit dieser Pickupbestückung jedoch nicht den Twang einer Strat, obwohl es frischer tönt als bei einer Les Paul.

 

Auch die hohen Gaingefilde klingen äußerst überzeugend. Der Ton wird nun cremig und schmiegsam, bleibt dabei immer gut kontrollierbar. Freunde von Claptons woman tone erfreuen sich am breiten Wirkungsbereich des Tone-Potis. Allerdings tendiert das Instrument nun etwas zu Feedback. Auch dieses Verhalten wird den Pickups geschuldet sein. Das Umschalten von der Steg- auf die Halsposition ändert den Grundsound übrigens nicht – was bei zwei identischen Typen kaum überrascht. Lediglich die Obertonverteilung tönt entsprechend der Positionen unterschiedlich. Beide Pickups zusammen klingen hingegen hohler und schlanker, was vor allem im Cleanbetrieb eine reizvolle Variante darstellt.

 

Das bleibt hängen

Diese Gitarre ist eine Wohltat für Auge und Ohr. Sie ist innovativ, ohne damit zu protzen, sie ist funktionell, ohne auf Design zu verzichten. Und sie kommt einer alten Ingenieursweisheit verdammt nah: Eine Konstruktion ist dann perfekt, wenn man nichts mehr wegnehmen kann. Dabei spielt sie sich geschmeidig und klingt kontrollierbar und edel – eine Gitarre von heute. Und wer hat’s mal wieder erfunden?

 

Jürgen Richter









 
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