Gibson Memphis Division ES-335 Studio & ES-339 Studio
30.07.15

Es geht auch schlicht

 

Was uns hier zum Test vorliegt, ist eine kleine Sensation, denn noch nie zuvor konnte man eine ES-335-Variante von Gibson für den vergleichsweise schmalen Kurs von knapp 1.600 Euro sein Eigen nennen. Ebenfalls in dieser Preisregion angesiedelt ist die etwas kleinformatigere ES-339, die den Les-Paul-Player da abholen könnte, wo er gerade steht.

 

 

 

Es ist eine Krux: Kaum hat man die eine, will man eine andere. Wir sprechen von Gitarren, was denkt denn ihr? Ist doch so, es gibt einfach zu viele, die man brauchtmöchtehabenmuss … sucht euch was aus. Mit in diesem Reigen tanzen semiakustische Modelle wie die ES-335, die nicht nur in den Händen altehrwürdiger Bluesmänner wie John Lee Hooker, Texas-Cannonball Freddie King oder seiner hoffentlich bald wieder genesenden Königlichen Hoheit Riley B. King zu wahrhaftiger Größe erwuchsen. Auch Obersympath und Mister „Ein Lick pro Karriere reicht aus“ Chuck Berry erschuf Bleibendes auf einer ES. Keith Richards steht auf sie, ebenso wie Clapton, die Black Crowes oder Dregen von den Backyard Babies. Die Liste ließe sich beliebig ergänzen.

 

Eine ES-335 hat schlicht Qualitäten, wie sie keine andere Gitarre hat – und befindet sich somit auf dem Olymp jener Klassiker, die aufgrund ihrer Individualität und Unverwechselbarkeit dort gelandet sind. Deswegen gibt es auf die Frage „Wie viele Gitarren brauchst du denn noch?“ auch nur eine richtige Antwort: „Eine … mehr!“ In guitar 5/15 haben wir uns mit der 1959er ES-335TD die Nobelvariante der ES-Modelle zur Brust genommen, und ich muss zugeben: Das war eine der mit Abstand besten Gitarren, die ich seit langem in der Hand hatte. Allerdings hatte sie eben auch ihren Preis. Dieser ist bei der Studio ungemein attraktiver, während die Einschnitte, die man machen muss, nicht gar so wild ausfallen.

 

ES-335 Studio

Wie alle ES-Modelle der Memphis Division wurden auch die ES-335 Studio überarbeitet. Augenscheinlichste Neuerung ist der zweite Pickup, auf den man beim Vorgängermodell verzichten musste. Die Herren bei Gibson hatten glücklicherweise ein Einsehen, denn – sind wir mal ehrlich – eine ES-335 mit lediglich einem Stegpickup ist einfach nicht komplett. Verzichten muss man bei der Studioversion lediglich auf die separaten Volumen- und Ton-regler. Aber der Reihe nach: Auch wenn die Grundkonstruktion auf den ersten Blick der 1959er ähnelt, so sind doch elementare Unterschiede zu verzeichnen: Decke, Boden und Zargen bestehen aus gesperrtem Ahorn, Hals und Griffbrett sind ebenfalls aus Ahorn gefertigt. Für das Griffbrett greift man in Memphis auf die baked-maple-Variante zurück. Farblich erinnert es an Palisander, die Maserung identifiziert es dennoch klar als Ahorn.

 

Dieses unlackierte Ahorngriffbrett braucht im Vergleich zu den meist lackierten Varianten ein wenig mehr Pflege, analog zur bekannten Palisandervariante. Ein paar Tropfen Griffbrettöl spendieren Feuchtigkeit und verleihen dem gebackenen Kollegen obendrein einen satteren Farbton. Gut fürs Holz und gut fürs Auge.

 

Dank spiegelglatt polierter Bundstäbchen, die nicht hoch, dafür aber verhältnismäßig schmal sind, fällt die Bespielbarkeit in allen Lagen positiv auf. Zumal dank besagter sauberer Bundverarbeitung ein Lagenwechsel flüssig vonstatten geht. Der Jumbo-verwöhnte Legatospieler wird zu Beginn eventuell etwas „hängen bleiben“, denn was man bei Jumbos meist nicht hat – direkten Kontakt zum Griffbrett –, findet man hier reichlich. Zum Spielkomfort trägt auch die abgerundete Kante des schwarzen Griffbrett-Bindings nicht unwesentlich bei. Die abgerundete Kante vermittelt der linken Hand das Gefühl, als ob hier schon jahrzehntelang rauf und runter gespielt worden wäre, die Kante quasi runtergespielt wäre.

 

 

Zum Vergleich habe ich meine 1992er Les Paul hinzugezogen. Die ist zwar wahrlich weit weg von gesuchten Vintage-Jahrgängen, viel gespielt wurde die dicke Dame aber dennoch, und das Ergebnis ist durchaus mit der Studiokante vergleichbar. Aber authentisch hin oder her, eine abgerundete Kante macht den Handkontakt deutlich geschmeidiger. Das Binding hätte mir persönlich in Creme einen Ticken besser gefallen, aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten.

 

Am Korpus muss auf das schmucke Binding verzichtet werden. Die Sinnfrage eines schwarzen Bindings auf dem schwarzen Rand eines Sunbursts darf ohnehin gestellt werden. Von daher galt hier wohl: Weg mit dem Popanz, Produktionskosten runter.

 

Ganz im Sinne der Effektivität wurden die mechanischen Komponenten gehalten, denn diese genügen modernen Ansprüchen und sind klar auf Funktion getrimmt. Grovers Rotomatic-Mechaniken mitsamt der AVR-2-Brücke von Tone Pros und dem fixierbaren Tailpiece sprechen eine klare Sprache. Unkaputtbar, präzise und roadtauglich war wohl die Devise – und dies scheint aufzugehen.

 

Über die Einstellmöglichkeiten einer Tune-o-Matic zu philosophieren, hieße Humbucker nach Kalamazoo zu tragen. Auch die Mechaniken von Grover genießen ihren guten Ruf zu Recht. Ihre Übersetzung von 14:1 ist vielleicht nicht das Maß aller Dinge, für präzises Stimmen reicht es allemal. Zumal der schwarze Corian-Sattel sauber gefeilte Kerben aufweist, was das Halten der Stimmung deutlich ver-bessert. Die Saiten haben es beim Gibson-typischen Seitwärtsknick hinter dem Sattel und der traditionell um 17 Grad nach hinten abgewinkelten Kopfplatte eh nicht leicht

 

Positiv ist außerdem zu vermerken, dass auch die Studiovarianten sowohl der ES-335 als auch der ES-339 über den neuen mit Teflon beschichteten Trussrod verfügen. Ehemals waren die Trussrods mit einer Plastikhülle bezogen, was verhindern sollte, dass Leim in die Gewinde läuft und dort eventuell zu Problemen führen könnte. Diese Hülle, umgangssprachlich als „Kondom“ bezeichnet, soll dem Klang nicht gerade zuträglich sein. Vielleicht mag man da die Flöhe husten hören, andererseits ist dieses Problem nun schlicht aus dem Weg geschafft.

 

Knalliges Attack

 

Klanglich ist man aufgrund der anderen Hölzer und Pickups – es kommen ’57 Classic und ’57 Classic Plus zum Einsatz – dennoch deutlich spritziger unterwegs als etwa die 1959er ES-335TD. So sind etwa die Höhen perkussiver und das Attack knalliger. Sollte man weniger Höhen benötigen, kann man diese mit dem einzelnen Tone-Poti global zügeln.

 

Speziell bei verzerrten Sounds macht sich mit leicht zugedrehtem Tone-Poti eine nasale und mittige Wärme bemerkbar, die man zuerst nicht vermutet hätte. Das hat was! Die Stegposition bedarf für meinen Geschmack ein wenig der Höhenzügelung durch das Tone-Poti oder dezentere Einstellungen am Amp.

 

Sowohl in Cleangefilden als auch im verzerrten Bereich trennen sich einzelne Töne, selbst innerhalb eines Akkords, dabei stets sauber voneinander ab, was dynamischem Spiel zugute kommt. Erfreulicherweise gilt dies auch in der Zwischenposition und am Hals; dort ist erwartungsgemäß deutlich mehr Wärme am Start – es singt beinahe Gary-mäßig. Die Zwischenposition knackt ordentlich, und so lässt sich etwa das Intro zu „Sweet Home Alabama“ standesgemäß intonieren. Sauber!

 

Mit einer Einschränkung muss man schaltungstechnisch dennoch leben: Es gibt nur Master-Volume und Master-Tone. Dies bedeutet schlicht und ergreifend, dass man auf die feinen Abstufungen, die man beim Standard-Vierregler-Layout zur Verfügung hat, verzichten muss. Die Potis erfüllen ihre Aufgaben zufriedenstellend. Lediglich die Wahl eines linearen Potis für den Volume-Regler erstaunte mich dann doch ein wenig. Der Verlauf eines logarithmischen Potis erscheint dem menschlichen Ohr gleichmäßiger. Damit können die Abstufungen des Verzerrungsgrades auch feiner dosiert werden. Wer auf zackige volume swells oder gar Stottereffekte steht, findet aber hier seinen Partner. Es bleibt Geschmackssache.

 

Die ES-335 Studio ist noch immer eine echte ES-335 – auch dank des Halspickups. Die Kontrolleinheit wurde verschlankt, und das Klangbild wird vom brillanten Ahorn dominiert – knalliges Attack und weniger samtweiche Mitten scheinen ihre Devise zu sein.

 

ES-339 Studio

A stripped down studio styling in Kombination mit dem kleineren Body einer ES-339 klingt interessant – vor allem für jene, die auf Style und Aussehen einer Semi-Akustischen stehen, deren ausladende Korpusdimensionen aber nicht unbedingt ganz oben auf der Wunschliste stehen haben. Dergestalt präsentiert sich die ES-339 Studio als schlanker dimensionierte Schwester der ES-335 Studio.

 

Bei Zutaten wie Hölzern, Pickups, Hardware et cetera bewegt man sich in den gleichen Gewässern wie die ES-335 Studio. Auch klanglich geht es in dieselbe Richtung, wenn auch mit weniger „akustischem“ Potenzial – schließlich ist der Korpus doch ein ganzes Stück kleiner. Das Größen- oder Anteilsverhältnis von Resonanzkammer und Sustainblock ändert sich dadurch, wobei letzterer eben gleich bleibt.

 

Klanglich ist die ES-339 ein Mittelding zwischen den Eigenschaften einer ES und einer Les Paul. Die ES-339 befindet sich somit klanglich dichter an einer Solidbody als an ihrer Schwester ES-335, was keineswegs schlecht klingt, aber doch deutlich anders. Es fehlen ein wenig die perkussiven Anteile. Auch akustische Weichheit, wenn man das so nennen kann, geht ihr ein wenig ab. Diesen „Nachteil“ gleicht sie aus, indem sie mit High-Gain besser zurechtkommt. Ihr Klangbild ist noch eine Spur zackiger, Rückkopplungen sind kein Thema. Wer also den Look einer Halbakustischen mag, klanglich aber mehr in Richtung Solidbody möchte, findet hier ein passendes neues Pferdchen.

 

Das bleibt hängen

Die ES-335 Studio kann nicht verleugnen, aus welchem Stall sie kommt. Gleiches gilt auch für die ES-339 Studio. Beide empfehlen sich all jenen, die finanziell bisher nicht in der Lage waren, sich eine Semiakustische von Gibson zu gönnen. Die ES-335-Variante ist dabei die „semi-akustischere“, die ES-339 könnte eine echte Alternative für Les-Paul-Freunde sein. Ein guter Ein- stieg für die Memphis Division – nicht nur im Oberklassesegment.

 

Stephan Hildebrand










 
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