ESP E-II ST-2FM Maple TE
3.08.15

Der Tiger tappt Triolen

 

Linde knutscht Ahorn? Da werden bei Speed- und Shredfans die Öhrchen gespitzt. Einer der wichtigsten Vertreter der Achtziger-Speed-Fraktion, ein gewisser Edward van Halen, schwört nach wie vor auf diese Holzkombination. Dabei kann man mit der ST-2FM von E-II deutlich mehr als nur shredden ...

 

 

 

Die E-II-Produktreihe des japanischen Gitarrenherstellers ESP bildet das Bindeglied zwischen den preiswerten LTD-Modellen und den hochpreisigen ESP-Gitarren des Custom-Shops. Das Gute an den E-II-Modellen: Sie kommen genau wie die Oberklassekniften aus japanischer Fertigung. Und was E-Gitarren betrifft, bürgt das Land des Lächelns bekanntlich für hohe Qualität.

 

Die neuen ST-2-Modelle kommen farblich einheitlicher daher als die Gitarren der Vorgängerreihe ST-1. Anstelle der Pickup-Kombination mit einem Humbucker und zwei Singlecoils besitzen alle ST-2-Modelle eine Bestückung mit jeweils zwei Doppelspulern. Auffälligstes Merkmal unseres Testmodells ist das goldgelb schimmernde Finish auf der zweiteiligen Decke. Aufgrund der feinen Streifenstruktur mit hellen und dunklen Stellen im Holz ähnelt die Decke aus geflammtem Ahorn dem Edelstein Tigerauge, wofür auch das Kürzel „TE“ für Tiger Eye im Produktnamen steht. Die Maserung der rund einen halben Zentimeter dicken Decke verläuft überwiegend gleichmäßig. Passend dazu wurde auch die Kopfplatte farblich abgestimmt – matching headstock nennt sich das.

 

Clevere Nische

Unter dem Finish befindet sich ein massiver Korpus aus Linde, der ein dunkles bordeauxrotes Finish erhalten hat. Führt man die Hand an der unteren Zarge entlang, um das Gitarrenkabel einzustöpseln, bemerkt man überraschend eine kleine Aussparung im Korpus. Die Eingangsbuchse ist einige Zentimeter tief versenkt, wodurch der Kabelstecker oder der Stecker eines Wireless-Empfängers nahezu verschwindet. Die Position der Buchse wurde gut gewählt, denn die Gitarre lässt sich auch mit eingestöpseltem Kabel in den meisten Gitarrenständern so abstellen, ohne dass man das Kabel unvorsichtigerweise abknickt.

 

Auf dem Weg nach oben begegnet man den beiden verchromten Reglern für Volume und Tone. Letzteren hat man glücklicherweise mit einer Coil-Split-Funktion versehen, so dass dieser bei einem Zug nach oben von fetter Humbucker-Breitseite auf kernigen Singlecoil-Sound umschaltet. Die beiden identischen Doppelspuler in Steg- und Halsposition, die man direkt ins Holz geschraubt hat, kommen aus dem Hause DiMarzio.

 

Unmittelbar oberhalb des Halshumbuckers beginnt das Ahorngriffbrett mit seinen 22 Bünden. Für den Hals, der auf Höhe des 19.Bundes in den Korpus übergeht, wurde ebenfalls Ahorn verwendet. Erst bei genauerem Hinsehen bemerkt man die „Naht“ zwischen Griffbrett und Hals, denn die Verleimung der beiden Bauteile ist sauber und ohne Makel miteinander verbunden.

 

Herzhaftes Greifen

Die Kombination Ahorn und Linde offenbart ein insgesamt ausgewogenes Klangbild. Anders, als man es von Linde gewohnt ist, halten sich die Bässe vornehm zurück, was aber keinesfalls bedeutet, dass die ST-2 dünn klingt. Ebenso wohldosiert sind die Mitten und Höhen. Für eine gewisse Spritzigkeit dürfte hier auch die Ahorndecke sorgen.

 

Der Hals mit seinem recht kräftigen, U-förmigen Profil erzeugt aufgrund seiner weichen Rundung ein angenehmes Greifgefühl, egal, an welcher Stelle des Halses man spielt. Zwar dürfte das Halsprofil für Shred-Fans, die für gewöhnlich ein flacheres Profil bevorzugen, etwas zu kräftig ausfallen. Dennoch lässt es sich auf dem Griffbrett vorzüglich solieren, was besonders der lupenreinen Verarbeitung des Halses geschuldet sein dürfte. Nichts und niemand könnte die Greifhand an diesem glatt geschliffenen Hals auf ihrem Weg nach oben bremsen, wären da nicht die nur dürftig vorhandenen technischen Fähigkeiten des Testers, wenn er zu ambitionierten Sechzehnteltriolen ansetzen möchte.

 

Muskeln mit Knack

Weiteres Kriterium für sauberes Spiel auf dieser Gitarre sind die blitzblank polierten und exakt abgerichteten Bundstäbchen. Die Größe Extra-Jumbo mag bei Barréakkorden dem einen oder anderen Gitarristen ein paar Schwierigkeiten bereiten, dafür erleichtern die dicken Bundstäbchen Spieltechniken wie Bendings oder Legato-Spiel. Gewohnt wuchtig und mit sattem Fundament geht der DiMarzio-Custom-Wound-Humbucker am Steg ins Rennen. Bei feurigem Overdrive knirscht und knistert es aus dem Lautsprecher, so dass Fans klassischer Gitarrensounds à la AC/DC oder ZZ Top ihre helle Freude haben dürften.

 

Ein identischer Humbucker in Halsposition tauscht hingegen seine Straffheit gegen eine gute Portion Sämigkeit ein. Selbst mit wenig Verzerrung vermag der Pickup einen singen-den und vollmundigen Ton zu produzieren, der geradezu nach einem energiegeladenen Blues-Solo schreit. Dank Coil-Splitting lässt sich mit einem Ruck aus den aufgepumpten Humbucker-Muskelspielen ein getrimmter und knackiger Singlecoil-Sound zaubern. Auch hier zeigt sich bei nur leichter Zerre das hochwertige Potenzial der Pickups, die sich bei Spielarten wie Funk, Blues oder Pop mehr als nur bewähren.

 

Selbst für verspieltere Stilistiken mit anspruchsvoller Technik zeigt sich die ST-2 gewappnet. Bei Whammy-Bar-Einlagen à la Jimi Hendrix oder Jeff Beck reagiert das Floyd-Rose-Double-Locking-Tremolo äußerst feinfühlig.

 

Da der Bereich hinter dem Vibratosystem ausgefräst wurde, können auch Töne nach oben mittels Whammy-Bar „gezogen“ werden, wodurch virtuosen Soloausflügen nichts mehr im Weg stehen sollte. Feststellbare Böckchen oberhalb des Sattels sorgen für die bekannte und bewährte Stimmstabilität.

 

Das bleibt hängen

Ein echter Player mit starken Allrounder-Qualitäten: Die ST-2 im Tigeraugen-Finish liefert pures Understatement. Der Look ist schick, aber nicht übertrieben spektakulär. Der Humbucker-Sound ist kräftig, aber nicht übertrieben fett oder aufgeblasen. Eine vielseitige Gitarre für unterschiedlichste Stilistiken – mit einer hervorragenden Verarbeitung.

 

Lukas Freitag







 
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