Workshop: Bruce Springsteens The River
20.07.16

Mehr als bei jedem anderen Song des Albums schwingt bei „The River“ der Geist von Hank Williams mit. Anders als Springsteen-Freund Dave Marsh, der in Hank Williams’ „Long Gone Lonesome Blues“ die maßgebliche Inspiration zu „The River“ zu erkennen glaubt, erklärt Springsteen Jahre später, dass ihn Williams’ Song „My Bucket’s Got a Hole in It“ zu „The River“ inspiriert habe. Diesen Song hörte er eines Nachts allein in seinem Hotelzimmer. „Ich habe in meinem Zimmer dann ,The River‘ geschrieben und dafür eine erzählerische Folkstimme verwendet – ein Typ in einer Bar erzählt einem Fremden auf dem Hocker nebenan seine Geschichte.“
Während der Entstehung von The River zeigt sich Springsteen im hohen Maße inspiriert von der Einfachheit und Wahrhaftigkeit der frühen Country-Musik. Ähnlich wie Bob Dylan schafft er es, seine Einflüsse nicht bloß zu imitieren. Er verpasst ihnen ein neues, eigenes Gewand. Wie bei den meisten Songs des Albums kündigt beim Titelstück schon das Intro (Bsp. 4) den kompletten Strophenteil an. Bestehend aus nur vier Akkorden, die ganz im Stil einer Folk- oder Country-Ballade mit schneidender Harmonika und einer Gitarre vorgetragen werden, entfaltet der Song musikalisch sein unheilvolles Szenario.

 

 The River: Hier gibts die Datei.

 

Schlechte Voraussetzungen

Die Zeichen für The River stehen im Jahre 1978 zum Beginn eher schlecht als recht. Nach Beendigung der Tour zu Darkness on the Edge of Town, bei der Springsteen ganze 115 Konzerte mit der E Street Band absolviert, bleiben ihm 1978 ganze drei Monate, um zur Ruhe zu kommen und neue Songs für das kommende Album zu schreiben.
Der Druck, der auf ihm lastet, ist zu diesem Zeitpunkt immens. Obwohl er sich mit seiner Darkness-Tour neue Fans erspielen kann, bleiben die Verkaufszahlen des Darkness-Albums am Ende hinter den Erwartungen zurück. Ironischerweise chartet die erste Single-Auskopplung „Prove It All Night“ gerade mal auf Platz 33 der Billboard-Charts, und Single Nummer zwei („Badlands“) klettert bloß auf Platz 42.
Die Gründe dafür sind zu diesem Zeitpunkt offensichtlich. Die unschöne und langwierige Trennung von seinem Ex-Manager Mike Appel und Bruce’ ablehnende Haltung gegenüber jeglicher Promotion- und Presse-arbeit im Vorfeld zum Release von Dark-
ness haben ihre Spuren hinterlassen, und führen zu einer Art Blockadeeinstellung
beim Boss. „Es konnte sich nicht richtig durchsetzen. Ein durchschlagender Erfolg wie Born to Run war es definitiv nicht“, erklärt Bruce später in einem Interview Freund und Journalist Dave Marsh. „Ich hatte wirklich alles für die Platte gegeben … und als sie dann herauskam, sagte ich: Ich will sie auf keinen Fall pushen. Das war wirklich lächerlich. Ich habe mir ja ins eigene Fleisch geschnitten.“ Konzept und Mantra von The
River wird somit, neue Möglichkeiten in dessen Songs buchstäblich durchzuspielen

 

 

 

Liebeskummer als Inspiration


Die meisten seiner Bandmitglieder haben es trotz Studio- und Tourleben geschafft, Familie und Job miteinander zu vereinbaren. Bruce muss hingegen erkennen, dass er diese Entwicklung immer nur als Beobachter aus der Ferne gesehen hat: „Wenn du auf die Dreißig zugehst, beginnst du darüber nachzudenken. Das waren die Themen, über die ich jetzt schreiben wollte. Früher hatten sie mich nicht interessiert, obwohl es doch naheliegend gewesen wäre.“
Die Unkompliziertheit seiner Beziehungen bis dahin (und im Speziellen die mit seiner damaligen On/Off-Freundin Joyce Hyser) erweist sich rückblickend zwar als angenehm, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er immer noch ein Eigenbrötler ist. The River erweist sich für Bruce als Experimentierfeld innerhalb seiner Songs. „Man schlüpft einfach für ein paar Minuten in eine Rolle und schaut sich an, wie es sich anfühlt, darüber zu singen. Dadurch findet man einen anderen Zugang zu den Dingen, die einen gerade umtreiben. Manches lässt sich so besser verstehen.“

 

Weitere Noten sowie eine CD mit den zugehörigen Soundfiles findet ihr in der guitar 07/2016. Heft am Kiosk verpasst? Kein Problem, hier könnt ihr euch die Ausgabe jederzeit bestellen.

 

Text: Marcel Thenée

Noten & Soundfiles: Sören Jordan

Fotos von Bruce Springsteen: Getty Images



 
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