Legends-Special: Prince - Genie mit Schatzkammer
6.06.16

Atlanta, Georgia, 14. April 2016: Mit einem Medley aus „Purple Rain“, „The Beautiful Ones“ und „Diamond and Pearls“ beendet Prince sein zweites Konzert im Fox Theatre. Eigentlich sollten die Gigs der „Microphone & A Piano Tour“ schon eine Woche früher stattfinden, doch den 57-Jährigen plagt eine schlimme Grippe – so die offizielle Version. Sichtlich gezeichnet und unter tosendem Applaus verlässt er seinen Platz am Klavier. Es sollte das letzte reguläre Konzert des Ausnahmekünstlers werden.


Atlanta, Georgia, 15. April: In den frühen Morgenstunden verlässt Prince’ Privatjet die Südstaatenmetropole in Richtung Minneapolis, Minnesota. Nach gut einem Drittel der Flugstrecke verliert er das Bewusstsein. Ad hoc meldet der Kapitän eine dringende Notlandung in Moline, Illinois, um „The Artist“ schnellstmöglich medizinische Hilfe zukommen zu lassen. Post mortem berichten diverse seriöse US-Medien, dass es weder eine Grippe noch eine lebensbedrohende Dehydration gewesen sei, die diesen Zwischenfall verursachte, sondern eine Überdosis schmerzlindernder Opiate. Dank eines Gegengifts kann Prince an diesem Morgen – gegen das Anraten der Ärzte – seine Reise gen Heimat fortsetzen. Er lässt es sich trotz der turbulenten Ereignisse nicht nehmen, auf seinem Weg vom Airport nach Paisley Park einen Stopp anlässlich des Re-cord Store Day im Electric-Fetus-Plattenladen einzulegen.

Minneapolis, Minnesota, 16. April: Nur einen Tag nach seinem Nahtod bedankt sich der Künstler für die Anteilnahme der Bevöl-kerung mit einem kostenlosen nächtlichen, für jedermann zugänglichen Konzert samt an-schließender Tanzparty auf dem Außengelände des Paisley Park. Prince scheint laut Augenzeugen komplett genesen.

Minneapolis, Minnesota, 19. April: Abseits eines Supermarktbesuchs zeigt sich Prince bei einem Auftritt der Jazz- und R&B-Sängerin Lizz Wright im Dakota Jazz Club das letzte Mal in der Öffentlichkeit.



 

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Glauben versus Gesundheit

Minneapolis, Minnesota, 21. April:
Um 9:43 Uhr erhält das Sheriff’s Office in Carver County einen Notruf aus Paisley Park. Die aufgeregte Person am Telefon meldet, dass Prince nicht ansprechbar wäre. Und wenige Momente später, dass er verstorben sei. Als der Notdienst eintrifft, findet man seinen leblosen Körper in einem der Fahrstühle. Alle Wiederbelebungsmaßnahmen seitens der Rettungssanitäter bleiben erfolglos.
Prince wäre heute wohl noch am Leben, hätte er 2001 nicht eine folgenschwere Glaubensentscheidung getroffen: Er konvertiert nach einer gemeinsamen Tour mit Larry Graham (Sly and the Family Stone, Graham Central Station) zu den Zeugen Jehovas.
2005 zeigt sich erstmals die Schattenseite der dem christlichen Glauben angelehnten religiösen Randgruppe. Die Hüften des Musikers weisen massive Verschleißerscheinungen als Folge seines Stageactings auf, und ein Austausch der Gelenke scheint unausweichlich. Zu einer Operation wird es jedoch nicht kommen, da die Lehre der Zeugen Jehovas Bluttransfusionen, ohne die ein derart großer chirurgischer Eingriff niemals durchführbar wäre, ideologisch ablehnt.

Fünf Dekaden Funk’n’Roll

Im kindlichen Alter von sieben schreibt Prince „Funk Machine“ und startet eine beispiellose Laufbahn als Komponist. Neun Jahre später fasst er einen Entschluss, der sein Leben komplett verändern wird: „Mit 16 war ich komplett pleite und benötigte dringend einen Job. Ich schlug die Gelben Seiten auf, um nachzusehen, welche verschiedenen Berufe es überhaupt gab. Darin fand ich allerdings nichts, was ich tun wollte, und beschloss, alles daran zu setzen, Profimusiker zu werden!“ (Zitat aus „The Arsenio Hall Show“, 2015)
Zwölf Monate danach unterzeichnet er seinen ersten Plattenvertrag mit Warner Bros., deren zuständiger A&R nicht glauben will, dass auf dem Demotape nur ein einzelner jugendlicher Musiker und keine gestandene Band zu hören ist. Dieser Fakt und Prince’ Beharrlichkeit, sein Major-Label-Debüt selbst in die Hand zu nehmen und nicht von Maurice White [Earth, Wind & Fire; verstorben 2016] produzieren zu lassen, stellen die Weichen für seine Karriere. Sechs Jahre und fünf Alben später steht der Visionär mit dem Soundtrack des Low-Budget-Films Purple Rain und der ersten Single „When Doves Cry“ erstmals an der Spitze der Billboard-Charts. Ähnliches wird ihm erst wieder mit der Scheibe und „Batdance“-Auskopplung zum 1989er Blockbuster Batman gelingen.



1993 kommt es zu einem spektakulären und zuvor noch nie dagewesenen Zerwürfnis zwischen Künstler und Plattenfirma, was Prince 1999 in der CNN-Talkshow von Larry King zu Protokoll gibt: „Es war mir ein spirituelles Anliegen, die nächsthöhere Stufe meines Lebens zu erreichen. Ich beschloss also, meinen Namen zu ändern und damit meine ganze Vergangenheit einfach abzu-streifen. Der ausschlaggebende Punkt hierfür war der Disput mit Warner Brothers. Hier ging es hauptsächlich um die Besitzverhältnisse meiner Musik und im speziellen die an den Master-Tapes. Bevor ich allerdings diesen entscheidenden Schritt gehen konnte, stellte ich mir die alles entscheidende Frage, ob mir Berühmtheit oder Kunst wichtiger seien. Wäre es ersteres gewesen, hätte ich niemals das Symbol als Namen verwendet. Jetzt gab es natürlich ein großes Problem: Die Medien wussten nicht, wie sie mich nennen sollten und kamen mit ,The Artist Formerly Known As Prince‘ um die Ecke.“


Als „Love Symbol“ und ab 2000 wieder als Prince (da sein Verlagsvertrag mit Warner zur Jahrtausendwende auslief) nutzt er als einer der ersten Musikschaffenden die Möglichkeiten des Internets, erkennt aber auch schnell, dass die virtuelle Welt nicht nur Vorteile bringt: „Das Internet ist ein zweischneidiges Schwert. Zuallererst werden Musiker schlecht oder gar nicht für ihre Kunst entlohnt. Es ist wie ein Schwarzes Loch, das alles erbarmungslos in sich aufsaugt. Die Industrie möchte den Kreativen dann noch vorgaukeln, dass sie uns wirklich liebt und unterstützt – steckt aber im gleichen Moment, ohne mit der Wimper zu zucken, über 80 Prozent der Einnahmen in ihre eigene Tasche. Ob sich dieses Missverhältnis jemals ändern wird, weiß ich nicht. Im Moment jedenfalls stehen die Musiker unter der Spitze des Schwertes und sind weit davon entfernt, den Griff zu halten. Ich hoffe, es stehen viele von uns auf, damit wir wieder etwas Balance in die Sache bekommen.“ („The Arsenio Hall Show“, 2015)


Text: Chris Franzkowiak

Noten & Soundfiles: Jochen Bens

Fotos: Getty Images

 

 



 
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