Interview: Simon Neil von Biffy Clyro
15.07.16

Simon, bei eurem letzten Konzert in München hat mir dein Techniker Richard Pratt viel über dein Equipment erzählt. Dein Setup ist deutlich komplexer, als ich es erwartet hatte. Wie kam es dazu?
Da war jede Menge Versuch und Irrtum im Spiel. Im Laufe der Jahre habe ich wohl jede denkbare Kombination von Amps und Fußschaltern ausprobiert. Das kommt auch daher, dass ich nicht gerade behutsam mit meinen Gitarren umgehe. Ich
misshandle sie eher ziemlich, ebenso meine Fußschalter. Ich habe ständig Dinge kaputtgemacht und mache das noch immer. Beim letzten Mal hatten wir das Liquid Foot [Pedal] und dachten, das wäre die Zukunft – eine unzerstörbare Maschine, mit der ich alles machen könnte und die sogar die Wäsche für mich waschen würde. Aber leider ist auch das kaputtgegangen.
Seit kurzem nutze ich ein Board von Gig Rig, das von einem Typen namens Daniel Steinhardt in der Nähe von Bris-tol hergestellt wird. Er hat mir meins auf den Leib geschneidert. Live spiele ich es über einen Kemper Head. Im Studio erzeuge ich meinen Hauptsound mit einem 1959er Marshall-Top und einem Fender [Hot Rod] Deville [Combo] und, ob du es glaubst oder nicht, ich benutze noch immer ein Boss-Metal-Zone-Pedal.

Nicht gerade eine konventionelle Wahl …
Das stimmt. Dieses Pedal spiele ich seit der allerersten Show. Irgendwas daran spricht mich an. Viele Leute finden, dass es schrecklich klingt, aber für mich hat es genau den richtigen Sound. So habe ich die Biffy-Sounds entdeckt. Mittlerweile versuche ich, die perfekte Balance zwischen einer natürlichen Verzerrung und dem fast fuzzigen Ton des Metal Zone zu finden. Ich spiele live stets Stratocas-ters, manchmal dazu eine Gibson ES-335, um einen leicht unterschiedlichen Ton zu bekommen. Wenn wir jedoch eine Platte aufnehmen, bin ich deutlich flexibler.
Ich habe mir vor kurzem eine traumhafte 1977er Les Paul Custom gekauft. Sie ist wunderbar zu spielen, aber ich würde sie nicht mit auf Tour nehmen. Es ist meine erste reine Studio-
gitarre. Auf diesem Album habe ich auch erstmals Mosrite-Gitarren benutzt. Die sind echt großartig. Ziemlich schwer, mit einem einzigartigen Sound. Auf einer Platte schließe ich nichts aus.


Foto: Warner Music


Gilt das auch für Amps?

Auch da haben wir einiges ausprobiert, zum Beispiel alte kleine Peaveys. Die meisten der wirklich heftigen Gitarrensounds auf Ellipsis habe ich mit diesen Amps aufgenommen. Es war eine echte Überraschung für mich, was für einen Sound man aus solch kleinen Verstärkern herausholen kann.
Neben meinem Deville und dem Marshall-Top habe ich im Studio auch einen Amp der Firma Black Volt genutzt. Ich hatte davon gehört, weil Daniel Lanois immer einen verwendet. Sie werden in Kalifornien von Hand gebaut. Meiner sieht aus, als ob er noch nicht ganz fertig wäre, aber sein Sound ist unglaublich. Es klingt wie Mastodon oder die Melvins. Wenn du diesen Amp anschaust, würdest du nie glauben, dass er diesen Sound erzeugen kann. Das ist in etwa mein aktuelles Setup.

Live benutzt du bei den Strats immer nur den Steg-Pickup. Warum?
Ich liebe das Attack des Steg-Pickups. Strats sind sehr perkussive Instrumente. Auf dem Steg-Pickup klingen sie für mich am besten. Irgendwas fasziniert mich daran. Ich mag diese Garstigkeit. Die kann man unmöglich ignorieren. Viele Gitarristen, die ich kenne, hassen diesen Sound. Aber genau das ist wohl einer der Gründe, worum ich ihn so mag. Er ist sehr kalt und nicht sehr einladend. In einer Drei-Mann-Band ist es meiner Meinung nach wichtig, dass die Gitarre ein perkussives, rhythmisches Element mitbringt. Die Strat sagt mehr über mich und meine Persönlichkeit als jede andere Gitarre.




2015 habt ihr euch überwiegend freigenommen, euch ausgeruht und neue Ideen gesammelt.

Das ist korrekt. Wir wollten nichts übereilen und nur deshalb ein Album machen, weil es an der Zeit gewesen wäre. Wir wollten das Gefühl haben, dass wir etwas Neues zu sagen haben. Ich brauchte ein paar Monate, um wieder Songs zu schreiben, die mich selbst begeistern. Die ersten paar Nummern klangen, als ob sie auf Opposites hätten stehen können. Ich wollte mich jedoch pushen, hin zu neuen Territorien. Mit dem Wechsel des Produzenten wollten wir auch unsere Sichtweise verändern.
Es ist unser erstes Album, das von Pop- und Hip-Hop-Aufnahmen beeinflusst ist. Vieles davon hat mit der Produktion zu tun. Verzerrte Gitarren bei Rockbands klingen heutzutage häufig ein bisschen vorhersehbar und bisweilen steriler als ein Synthesizer. Auf unserem Album wollten wir, dass die Gitarren atmen und sie sich anfühlen, als kämen sie geradezu aus den Lautsprechern heraus.

Wie habt ihr diesen Anspruch umgesetzt?

Statt ein Dutzend Gitarren mit Hunderten von Overdubs aufzunehmen, haben wir versucht, einen Gitarrensound zu finden, der alles aussagt. Das kam auch durch unseren neuen Produzenten Rich Costey. Er verbrachte Stunden damit, einen Gitarrensound zu finden und dann eine Gitarre pro Song aufzunehmen. Am Ende hat es immer äußerst gut funktioniert.
Auf Ellipsis sind einige der besten Gitarrenparts, die ich je eingespielt habe. Ich habe dabei auch mit verschiedenen Pedalen experimentiert – Wahs, Flanger, ich habe meine Gitarre sogar durch Synthesizer gespielt, also wirklich ungewöhnliche Dinge ausprobiert. Jedesmal, wenn uns ein Sound bekannt vorkam, haben wir von vorne begonnen. Wir
waren generell auf der Suche nach neuen
Gitarrensounds. Und das haben wir auch ganz gut hinbekommen.

Hast du wieder mit Tunings experimentiert?

Ja. Ich habe das DADGAD-Tuning dieses Mal viel verwendet, dazu ein Dropped-Tuning
einen Ganzton tiefer auf C. Dann auch ein Db-Tuning. Das DADGAD habe ich auf ungefähr fünf Nummern eingesetzt. Wenn du schon länger Gitarre spielst und seit geraumer Zeit darauf Songs schreibst, dann ist es auch mal schön, unsicher zu sein, wohin man seinen Finger legen muss. Manchmal saß ich nur da, habe die Saiten verstimmt und dabei nach einem neuen Part für einen Song gesucht. Aber richtig schräg ist dieses Mal eigentlich nichts. Auf Puzzle [von 2007] hatten wir ein CFDGCF-Tuning, das war ein echter Alptraum. Wir kamen damit zwar zu einigem coolen Zeug, aber es dann zu spielen, war wirklich tricky – der schmale Grat zwischen einer Gitarre, die anders klingt, und mir, der sie dann auch spielen können muss. [lacht]

 

In der guitar-Ausgabe 07/2016 findet ihr außerdem einen Überblick über das scharfe Equipment von Simon. Am Kiosk verpasst? Kein Problem, hier könnt ihr euch die guitar-Hefte jederzeit nachbestellen.

 

Text: Chris Hauke

Foto v. Simon Neil: Getty Images

 

 



 
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