Brillanter Ton, knackiger Punch: Dave Grohls Vintage "The Pretender"
11.07.16

Man kann die Vintage Pretender bereits anhand ihres Namens einem Gitarristen zuordnen. „The Pretender“ ist die Lead-Single des 2007 erschienenen Albums Echoes, Silence, Patience & Grace der Foo Fighters. Folglich orientiert sich die Vintage an der Axt von Frontmann Dave Grohl. Dessen Signature-Gitarre basiert auf einer Gibson Memphis Trini Lopez ES-335. Mittlerweile stellt die Traditionsschmiede auch Grohls Modell unter dessen Namen her. Gegen eine vierstellige Summe wechselt sie an der Ladentheke den Besitzer, weshalb die Vintage eine kostengünstige Alternative darstellt. Wer sich die vergangenen Jahre nicht aus ominösen Gründen in einem schalldichten Keller aufgehalten hat oder zumindest ein paar guitar-Ausgaben zur Verfügung hatte, dürfte das Vorbild der Vintage an deren Lackierung erkennen: Kaum ein anderer Alternative-Gitarrist spielt ein semi-akustisches Modell in Metallic-Blue. Der Ahornkorpus glitzert ebenso auffällig wie der eingeleimte Mahagonihals mit Palisandergriffbrett. Dass es sich um eine Replika handelt, ist deutlich erkennbar an detaillierten Änderungen, die vorgenommen wurden: Die Schalllöcher in der Ahorndecke werden durch ein Quadrat  zweigeteilt und verlaufen in geschwungener Form statt zackenförmig. Das gleiche Muster findet sich in den Griffbrett-Inlays wieder. Außerdem wurde das obere Cutaway am 19. Bund, das untere hingegen am 21. Bund angesetzt. Ansonsten wirkt die Gitarre recht baugleich: Die markante Kopfplatte trägt die Mechaniken in einer Reihe; Korpus, Decke und Hals werden von einem cremefarbenen Binding umrandet. Die Input-Buchse befindet sich unterhalb der beiden Tone- und Volume-Regler, die bei den beiden Humbuckern von Wilkinson Lautstärke und Klangfarbe regelt. Die Tune-o-matic-Bridge inklusive Stopbar sorgt für saubere Intonation.

 

Solides Werkzeug

Einen kleinen Vorgeschmack auf den Sound ermöglicht die halbakustische Konstruktion der Pretender. Das gesperrte Ahornholz verleiht ihr einen drahtigen, aber auch brillanten Ton mit knackigem Punch. Genau den brauchen wir für einen durchsetzungsfähigen Alternative-Rock-Sound. Die Bespielbarkeit lässt keine Wünsche offen. Die Bünde sind sauber poliert und haben die richtige Stärke für sicheren Halt auf der einen Seite und Fingerfertigkeit auf der anderen.
Klar verbinden wir mit den Foo Fighters kompromisslose Riffs, die voll auf die Zwölf gehen. Dave Grohls Songwriting besticht aber vor allem durch den Wechsel von cleanen oder ruhigen mit lauten Parts. Deshalb lohnt es sich, den Gain-Regler erst einmal herunterzufahren. Der Steg-Pickup liefert genau den Ton, der sich im ersten Takt von „The Pretender“ ins Hirn brennt. Er schwingt lange aus – was für die Grundstimmung des Intros enorm wichtig ist – und ist reich an Bässen und Mitten. In Kombination mit den weichen Höhen ist der Sound clean sehr durchsetzungsfähig. „Is someone getting the best of you?  “ Auch das Intro des alternativen Liebeskummer-Rocks klingt aufgrund des mittigen Sounds und der markanten Bassnoten recht authentisch.

Richtig laut

Die Pickups haben ordentlich Dampf, so dass ein einigermaßen empfindlicher Cleankanal bereits früh in Crunch übergeht. Die Zerre steht ihr aber äußerst gut, weshalb wir am Gain-Regler nachlegen. Der Steg-Pickup komprimiert den Sound relativ stark, was bei stakkatoartigen Anschlägen wie denen von „The Pretender“ gelegen kommt. Jede Note springt einem mitten ins Gesicht. Die Mitten und kraftvollen Bässe sorgen dafür, dass sich die Gitarre in der Band Gehör verschafft – nicht nur bei straffen Powerchords, sondern auch bei Singlenote-Riffs. Die Gitarre singt und schwingt, der Ton bleibt lange stehen, weshalb er sich im Solo sauber modulieren lässt und leicht in die Obertöne umkippt.  So macht das Zocken richtig Spaß! Mit Verlaub: Die anderen beiden Pickup-Positionen dürfen, müssen aber nicht angewählt werden. Denn der Stegtonabnehmer würde vollkommen ausreichen, wenn man sich mit einem satten Rock-Sound zufrieden gäbe. Die Mittel- und Halsposition ähneln sich in ihrem Charakter und sind vor allem clean gespielt gute Optionen. Der Ton in der Mitte präsentiert sich in glockig-hohler Manier und kann sich gerade bei unverzerrten Passagen auszeichnen. Während hier die Bässe und Höhen im Vordergrund stehen, präsentieren sich am Hals einmal mehr die tiefen Mitten in voller Blüte. Als wäre ein Mid-Boost hinzugeschaltet worden, bluest der Sound mit dosiertem Gain-Einsatz los. Da auch der Pickup am Hals einen hohen Output besitzt, ist beim Zerrgrad Fingerspitzengefühl gefragt. Zu viel des Guten liefert – erwartungsgemäß – mehr Matsch als differenzierte Klänge.


Das bleibt hängen


Die Vintage Pretender liefert genau das, was ihre reizende Optik verspricht: einen druckvollen, aber akzentuierten Rock-Sound. Besonders der Sound am Steg ist clean wie verzerrt eine Wucht. Die knackigen Bässe und kräftigen Mitten pressen ein Riff nach dem anderen spielend leicht aus den Boxen. Die Pretender spricht aber nicht nur Fans an. Sie bietet vielmehr, vor allem aufgrund der weiteren Pickup-Positionen, Spielraum für Blueser und vielleicht sogar für Jazzer. Freunden glitzernder Lackierungen dürfte sie sowieso gefallen. 


Text: Jens Prüwer

 

 

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