Ein grüner Marshall mit Ton zum Verlieben
18.03.16

Ein Wunder ist der Schritt von Marshall Richtung Boutique-Amps eigentlich nicht, denn natürlich ist auch dem englischen Verstärkerhersteller bewusst, dass es unzählige Boutique-Hersteller gibt, die mehr oder weniger erfolgreich den typisch britischen Sound in seinen verschiedenen Lebensformen (old school, brown sound oder ganz modern) als Grundlage für ihre in kleiner Auflage per Hand gefertigten Verstärker nehmen.
Warum also nicht selbst ein wenig in diese Richtung wandeln? Hier setzt die Astoria-
Serie an, die aus drei Modellen besteht: dem zweikanaligen Astoria Dual und den beiden Einkanalern Custom und Classic.
Der Boutique-Faktor beginnt schon bei der Optik, denn der grüne Combo macht einiges her: edler Look mit einem Touch Vintage-Charme, und das Ganze tadellos verarbeitet. Im Innenleben finden sich beim eigentlichen Signalweg handverdrahtetes PCB (Printed Circuit Board ) mit Turrets, also eine Mischung aus Handverdrahtung und gedruckter Leiterplatte. Das Prinzip lautet: Signalweg über handverdrahtete Komponenten, alles andere (wie beispielsweise Relais et cetera) über Leiterplatte. Die Ausführung ist ebenfalls tadellos, sauber und ordentlich ausgefallen. Der einkanalige Combo liefert maximal 30 Watt, wobei sich die Leistung über das Ziehen des Master-Volume auf fünf Watt reduzieren lässt. Als Lautsprecher wurde ein Custom-Voiced-Celestion-Creamback-Zwölfzoller gewählt. Im und am Chassis glühen drei ECC83, eine GZ34 als Gleichrichter und zwei KT66.
Das Bedienfeld ist übersichtlich und leicht verständlich. Die Anschlüsse, abgesehen von den Eingängen, befinden sich an der Unterseite des Chassis. Netterweise sind auf der Rückwand darunter Beschriftungen angebracht, so dass man den passenden Ein- oder Ausgang problemlos findet.



Willkommen im Astoria

Nach dem ausgiebigen Vorglühen der Röhren heißt es dann: Eingang wählen, denn der Astoria verfügt über je einen Lo- und einen Hi-Input. So kann man entsprechend der eigenen Gitarre und deren Pickups den jeweils passenden Eingang wählen; jedoch kann es lohnenswert sein, beispielsweise einen Pickup mit geringem Output an den Lo-Eingang anzuschließen und andersrum, denn damit
ändert sich auch die Ansprache und Empfindlichkeit der Vorstufe. Obendrein wird der Sound bei der Nutzung des Lo-Eingangs etwas wärmer in den Höhen und sanfter im Bass, so dass selbst Gitarristen, die an anderen Amps immer denselben Eingang nutzen,
diese klangliche Option im Hinterkopf behalten sollten.
Beim Test wurden verschiedene Gitarrenmodelle mit unterschiedlich starken und verschiedenartig klingenden Tonabnehmern verwendet; zudem wurden beide Eingänge abwechselnd genutzt. Die Klangregelung teilt sich auf in Mitten, Höhen, Bässe und einen Regler namens „Edge“. Dieser ist in der Wirkung vergleichbar mit einem Presence-Regler bei anderen Modellen, denn er reguliert zusätzliche Höhen in der Endstufensektion.
Erklärenswert ist auch das Sensitivity-Poti. Hiermit wird die negative Rückkopplung des Amps beeinflusst, ohne dass die Ausgangs-impedanz der Vorstufe verändert wird. Zwar ändern sich Ansprache und Empfindlichkeit des Amps, so dass das Zerrpotential steigt, der Klangcharakter bleibt jedoch je nach EQ-Settings erhalten. Dieses Poti ist grob mit einem Gain-Poti vergleichbar.

Lupenrein und exakt

Der Praxistest begann mit eher modern klingenden Medium-Output-Humbuckern. Alle Potis am Amp standen auf zwölf Uhr – und der erste Klangeindruck stand schnell fest: Was für ein Ton! In der Tat wird schnell deutlich, wie pur, dynamisch und reaktiv der Amp arbeitet und klingt. Jedes klangliche Detail der Gitarre und der eigenen Spielweise wird lupenrein übertragen und verstärkt. Keine Spur von Verfälschung oder Verwaschen.
Die Klangregelung ist großartig auf den Grundsound abgestimmt und greift exakt bei den richtigen Frequenzen ein, so dass sich der Sound verfeinern und formen lässt, ohne je unangenehm zu werden. Das wird er nur, wenn der Amp mit entsprechenden Sounds angesteuert wird.
Will sagen: Der Amp gibt sehr genau wieder, was am Input ankommt. Wenn die ein-gesetzten Pickups eher uninspiriert „topfig“ klingen, ist das deutlich hörbar. Setzt man einen zu aggressiven oder nicht geschmackvoll klingenden Verzerrer ein, ist das Resultat dementsprechend. Der Amp beschönigt nicht, gibt aber das, was man ihm liefert, wunderbar dynamisch und fein wieder.




Der eine oder andere wird einen zusätzlichen Verzerrer einsetzen wollen, denn ein Gain-Monster ist der Astoria Classic ganz sicher nicht. Im Gegenteil, selbst bei Voll-
anschlag von Volume und Sensitivity, egal, ob bei 30 oder fünf Watt, geht es maximal bis zu dezentem Crunch oder Sounds, die eher an die Fifties und frühen Sixties erinnern.
Wer gerne in den Gefilden von Jimi H., Jimmy P., Ritchie B. oder Angus Y. schwelgen möchte, muss die Vorstufe beispielsweise durch einen Overdrive befeuern. Ist dieser geschmackvoll gewählt, ist das Resultat traumhaft. Der Sound steht wie die sprichwörtliche Eins, Dynamik und musikalische Ansprache sind eine wahre Freude – und dreißig Watt Röhre sind alles andere als leise, so dass der Amp auch im Proberaum oder, mit Mikro davor, beim Gig locker mithalten kann.
Der Edge-Regler formt den Klang subtil, aber dennoch gut hörbar. Dreht man die Bässe auf, werden sie prägnanter, bleiben aber akzentuiert und druckvoll. Von Matsch keine Spur; dafür wandelt sich der Sound im Poti-Umdrehen von Blues zu twangigem Country/Rockabilly. Überhaupt greift die Klangregelung perfekt ins Geschehen ein, so dass man von sehr dunklen, eher für Jazz brauchbaren Sounds bis zu strahlenden Cleansounds, wie gemacht für Pop, wechseln kann.
Beim Umschalten zwischen voller und reduzierter Leistung ist keine Veränderung im Klang wahrnehmbar. Weder Obertöne noch der Höhenanteil oder die generelle „Spritzigkeit“ gehen dabei verloren – sehr schön! Der Spaßfaktor ist durchweg riesig. Selbst wenn man normalerweise auch High-Gain-Sounds mag, verursachen der überaus lebendige und geschmackvolle, maximal leicht crunchende Sound des Astoria Classic sowie seine dynamische Ansprache ein echtes
Suchtpotential.

Das bleibt hängen

Es kann gut sein, dass sich einige Boutique-Hersteller demnächst warm anziehen müssen. Der Astoria Classic überzeugt neben Optik und Verarbeitung vor allem durch seinen ebenso klassischen wie musikalischen Sound. Definitiv kein Metal-Amp – aber wer vielseitige cleane oder dynamische Crunch-Sounds liebt oder ein gutes Overdrive-Pedal zu nutzen weiß, findet hier tone for days.



 
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