Marc Götz (Caliban): Das neue Album Gravity
8.03.16

Marc, du schulterst seit einiger Zeit kompositorisch fast alles bei Caliban – wie entsteht dabei ein Album aus der Sicht des Gitarristen?

Marc Görtz:
Ich schreibe die Songs in meinem eigenen Studio und erstelle dabei die groben Vorversionen mit allen Riffs. Manchmal lasse ich einen Teil aus, wenn ich mir nicht ganz sicher bin. Das nehme ich dann mit zu unserem Produzenten Benny Richter, und dort machen wir das gemeinsam fertig. Der instrumentale Teil des Songwritings liegt also hauptsächlich bei mir.

Das verwundert etwas, denn die sehr melodischen Refrains, die vor allem auf dem neuen Album fast wie Chöre arrangiert sind, haben bei euch doch schon immer eine große Rolle gespielt ...

Natürlich ist da einer unserer beiden Sänger [Andreas Dörner und Gitarrist Denis Schmidt] involviert, aber das machen wir dann auch zu dritt, also mit Benny und mir. Diesmal hat Andy einen größeren Anteil, auch wenn Denis immer mitsingt.


Härter als zuvor und mit weiblicher Unterstützung in den Refrains – die neue Caliban.



Die cleanen Vocals von Andy erinnern dabei fast an Frauenstimmen ...

Bei zwei Songs sind es sogar welche. Bei „Mein schwarzes Herz“ singt Andy zuerst, und dann kommt eine Frauenstimme wie ein Echo hinterher. Der Refrain war eigentlich schon fertig, aber wir dachten uns: „Da fehlt noch was.“ Die zweiten Teile hat dann eine Freundin von uns eingesungen, Katharina Grischkowski, die zufällig zugegen war und Studiosängerin ist. Bei „The Ocean’s Heart“ haben wir dann Alissa White-Gluz von Arch Enemy gefragt. Die Screams von ihr und Andy sind fifty-fifty, im Refrain singt sie aber clean.

Frauenstimmen sind im modernen Metal umstritten. Auch In Flames haben das ja nur auf einem Album versuchst. Rechnest du da nicht mit Anfeindungen der Fans?

Und selbst wenn, wäre mir das völlig egal. Wir wollten in den Songs aber noch einen anderen Aspekt haben, gerade bei „Mein schwarzes Herz“, weil das Stück generell recht düster und böse ist. Weil das gesamte Album nach meinem Empfinden viel härter ist als unsere letzten Releases, finde ich das sehr passend.

Ein kurzer Hinhörer steckt auch im Intro-Riff von „Walk Alone“. Dabei spielst du ein Bending über mehrere Saiten – richtig?

Ja, das ist einfach nur ein Powerchord, bei dem ich beide Saiten nach unten ziehe. Das kommt recht präzise, aber nicht, weil ich mich für den besten Gitarristen halte. Man muss nur aufpassen, dass man die anderen Saiten dabei nicht mit erwischt.

Auch dein Gitarrensound ist neu: hart, aber dennoch nicht mit zu viel Gain, so dass man die einzelnen Saiten deutlich hört. Wie hast du das gemacht?

Ich nutze live wie im Studio inzwischen einen Kemper-Amp. Damit habe ich in meinem Studio sehr lange an einem Sound geschraubt, bei dem auch die Single-Notes sehr klar ausfallen. Der Hauptsound ist das Profil eines Fender 5150 III mit einer Box von Hesu. Dazu kommen zwei Spuren für die Rhythmusgitarren, die ich per DI eingespielt und für deren Sound ich ein Toneforge-Plug-in von Joe Sturgis verwendet habe.

Klingt nach einer großen Liebe fürs Digitale ...

Nicht nur. Ich habe auch viele echte Amps ausprobiert, aber diese Kombination gab im Endeffekt den rotzigen Sound mit einer klaren Tonalität, den ich haben wollte.

Bei den Downtunings, die ihr nutzt, hätten wir eher auf einen Rectifier oder Engl-Amp getippt ...
Ich war ja eine Zeitlang Endorser für Mesa, aber auch da habe ich den Royal Atlantic gespielt. Dem Rectifier-Sound kann ich auch bei anderen Bands nicht viel abgewinnen, oder: zumindest passt er mir nicht für unseren harten Metalcore-Sound.

Was Biss und Transparenz betrifft, finde ich, dass Fender das mit den aktuellen 5150 am besten umgesetzt hat – auch im Vergleich zu den ersten 5150 [die von Peavey stammten, als Eddie van Halen noch mit diesem Unternehmen zusammenarbeitete]. Mit Engl-Amps kann ich noch weniger anfangen. Live finde ich die zwar geil, aber im Studio haben die nach meinem Empfinden immer etwas schwer fassbar Digitales, so eine Art Grundsurren. Ich habe mal acht verschiedene Engls ausprobiert, wurde aber nicht glücklich.

Ist dein neuer Sound denn schon live getestet?

Ja, bei den Christmas-Shows habe ich den Kemper mit dem 5150-Profil gespielt, das kommt live sehr gut an. Endstufen und Boxen brauche ich da nicht, das geht direkt ins Pult und in unsere In-Ear-Monitore. Zudem macht die Transpose-Funktion des Kemper auch andere Tunings möglich, denn auf dem neuen Album nutzen wir viele Stimmungen von Standard-B über Dropped-A bis Dropped-F und mehr. Auch das leidige Thema Leihequipment hat sich mit dem Kemper erledigt.

Das haben wir bei guitar schon öfter gehört, aber erzähl’ ruhig weiter ...

Na ja, oft kommt man auf ein Festival und findet dann einen uralten Fender, bei dem die Hälfte der Röhren kaputt ist, oder einen Marshall, der kaum Gain hat – und das, obwohl man einen 5150 bestellt hat. Also muss man erst mal irgendein Zerrpedal auftreiben. Den Kemper dagegen kann man mit ins Handgepäck nehmen und klingt dann – egal wo, egal wie – immer gleich.



Gibt’s neben dem neuen Sound auch neue Gitarren?

Ja, ich bin nicht mehr bei Ibanez, Denis aber schon. Mich haben eines Tages Legator Guitars aus den USA angeschrieben und mir dann einige Instrumente zugeschickt. Und wenn ich ehrlich bin: Das sind die besten Gitarren, die ich je hatte. Die geben sich einfach besonders viel Mühe. Wenn ich eine Legator aus der Tausend-Euro-Klasse in die Hand nehme, würde eine vergleichbare ESP, Schecter oder Ibanez schon 1.500 bis 2.000 Euro kosten. Das Qualitätsniveau der Legators ist einfach irre hoch; die Hälse sind toll verarbeitet, und alles andere passt auch.

Da du die Marken schon angesprochen hast: Wo ordnen sich die Legators für dich ein?

Ich spiele ja nur die Siebensaiter von Legator, und da liegt der Hals zwischen Ibanez und ESP. Etwas schmaler als bei den Ibanez-Instrumenten, aber vielleicht sogar etwas dicker, aber nicht so dick wie bei Gibsons! Ein gesundes Mittelmaß eben.

Du hättest dir doch aber auch, wie Maik Weichert von Heaven Shall Burn, ein Signature-Modell von Ibanez bauen lassen können?

Ja, das stand auch mal zur Debatte. Aber das hat dann alles länger gedauert, und letztlich war es auch gut so, weil ich mich jetzt entschieden habe zu wechseln.

Gibt es bei deinen Legators Unterschiede zum Serienmodell?

Bei den Ninja-Modellen, die ich spiele, sind statt Seymour-Duncan-Pickups EMG-Tonabnehmer verbaut. Ich spiele schon ewig EMG 81 und 85, inzwischen in allen meinen Gitarren. Bei meiner RGD von Ibanez hatte ich mal einen Deactivator von Seymour Duncan drin, den fand ich auch nicht schlecht. Aber letztlich bin ich dann doch zurück zu den EMGs gegangen.

 


Text: Nico Ernst

Fotos: , Shutterstock (1), calibanmetal.de (2)

 

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