Workshop: Aerosmith
20.03.16

Das Jahr 1976 war ein fettes Jahr für den Rock weltweit. Insbesondere US-amerikanische Bands sahnten ganz groß ab. Boston etwa brachten ihr Debütalbum an den Start, das allein in den USA 17 Millionen Stück verkaufen sollte und lange Zeit als der erfolgreichste Erstling einer Rockband galt. Die Eagles nahmen die Single „Hotel California“ auf, die 32 Millionen mal über die Ladentheken ging. Peter Frampton, vormals bei Humble Pie, brachte mit Comes Alive! einen gigantischen Konzertdoppeldreher her-aus, der locker acht Millionen Käufer allein in den Vereinigten Staaten fand. Kapellen wie ZZ Top, Kiss und Fleetwood Mac spielten in Stadien, in denen sich bereits Elton John, Led Zeppelin und die Rolling Stones tummelten. Auf der anderen Seite des Atlantiks hingegen sahen junge Typen in London Größenwahn und Dekadenz der Mega-Ego-Rockstars mit wachsender Skepsis. Punks wie die Sex Pistols, The Clash oder The Damned waren bereits im Begriff, eine Revolution anzuzetteln ...
Für Aerosmith waren die vorangegangenen Jahre gut gelaufen. Ihre Alben Aerosmith (1973), Get Your Wings (1974) und Toys in the Attic (1975) hatten die Band etabliert. Die Tickets zu ihren Konzerten verkauften sich wie warme Semmeln.

 


Zu den musikalischen Wurzeln des Quintetts aus New England zählten neben ihren großen Idolen, den Rolling Stones, auch die Yardbirds. Deren „Train Kept a-Rollin’“ hatten sie auf dem zweiten Song-Zyklus Get Your Wings gecovert. Ihre donnernde und bissige Version ist bis heute ein Höhepunkt jeder Aerosmith-Show.
Ein weiteres Element der Rock-Giganten ist Funk. „Mir gefiel funky Musik“, bekennt Joe Perry. „Im Laufe der Jahre hatte ich viele James-Brown-Songs gespielt und The Meters aus New Orleans gehört, eine der besten Bands des Landes. Ich fragte: ,Warum schreiben wir nicht Songs mit diesem Feeling?‘“
So war etwa „Walk This Way“ entstanden, ein Mix aus Rock und Funk, der in späteren Jahren Run DMC zu einem Rap-Crossover-Cover inspirieren sollte.


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Seinerzeit stießen Aerosmith auch beim Jammen auf viele Ideen. „Ich hörte etwas und schrie: ,Halt! Was war das? Spiel das noch mal!‘ Dazu schrieb ich auf der Stelle den Text. Das passierte uns nicht mehr, nachdem wir die Drogen abgeschafft hatten. Wir waren freier und kreativer als Band, aber wir haben immer noch nicht alle Probleme gelöst, die die Drogen kaschierten“, schreibt Tyler nachdenklich. „Wir nahmen dreißig, vierzig Takes pro Song auf, weil wir voll breit waren. Jack Douglas wählte einen Teil von diesem, einen anderen Teil von jenem Take sowie die Bridge von Take 23 und schnitt alles zusammen – und keiner wusste mehr, was woher stammt. Heute lege ich diese Alben auf, und alles, was ich hören kann, sind Drogen.“ Zu dieser Zeit bekamen Tyler und Perry im Musikbusiness ihren Spitznamen weg: Sie waren nun die toxic twins.

 


Klare Aufgabenverteilung

„Inzwischen hatten sich auch die beiden Gitarristen entschieden, wer welche Aufgabe in der Band übernehmen wollte. Joe Perry war der Improvisator, während Brad Whitford zum Techniker wurde. Brad arbeitete die ganze Nacht im Studio mit mir. Joe kam herein, spielte sechs Spuren ein und wusste, er konnte gehen. Anschließend würde Brad an einem speziellen Part arbeiten – und wenn das die ganze Nacht dauerte. Kein Problem, er mochte das.“
Ein erfahrener Mann wie Douglas, der mit John Lennon, Patti Smith und den New York Dolls gearbeitet hat, konnte das Werk einordnen. „Es war ein großes Album für Aerosmith, es zeigte, wie groß und laut sie waren. Sie entschuldigten sich nicht dafür, wie dreist, rüde, sexuell oder hart sie als Rockband auftraten. Wir nahmen ,Back in the Saddle‘ als Opener, um dieses übergroße Gefühl ins Hirn eines Jungen zu kicken, wenn er seine Kopfhörer mitten in der Nacht aufsetzte.“
Der Song war bereits fertig, doch es fehlte der Text. Während der Aufnahmen im Record Plant Studio von New York sprachen sie über „Back in the Saddle Again“, eine Nummer des Countrysängers Gene Autrey. Steven fand, es ginge darum, seine Freundin erneut zu beglücken, während Douglas den Horizont erweiterte: „Ich wünschte, wir könnten diesen Sattel als Bild nehmen, das sagt: Hier ist ein neues Album, Folks. Wir rocken und haben unsere Sporen an.“
Diese Worte inspirierten Tyler derart, dass er sich ins Treppenhaus des Studios zurückzog. Zwei Stunden später tauchte er mit den fertigen, ebenso sexgeladenen wie selbstbewussten Lyrics wieder auf. Für die Aufnahme des Gesangs nutzte Douglas ein Richtmikrophon von Neumann anstelle eines konventionellen Mikros. Tyler tanzte in dreißig Zentimetern Abstand darum herum und ließ seine Krächzstimme von der Kette: „I’m baaackkk!“ Dieser Fanfarenstoß wurde ein Markenzeichen für den Schreihals mit den Schlauchbootlippen.

 

Text: Henning Richter
Noten & Soundfiles: Alexander Schmitz

Fotos: Getty Images

Den gesamten Workshop zum Album "Rocks" sowie eine CD mit den zugehörigen Soundfiles findet ihr in der guitar 03/2016. Heft am Kiosk verpasst? Kein Problem, hier könnt ihr euch die Ausgabe jederzeit bestellen.



 
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