Höher, reicher, breiter: Billy Talent im Interview
27.09.16

Ian, zwischen dem letzten und dem neuen Album erschien 2014 mit Hits eure erste Best-of. Solche Platten sind häufig ein Zeichen dafür, dass ein Zyklus abgeschlossen wurde und man zu neuen Ufern aufbricht. War das bei euch ähnlich?

Ian D’Sa: In gewisser Weise schon. Zunächst einmal ging es natürlich darum, das Jahrzehnt im Rampenlicht, das zwischen dem Release unseres Debüts und der vierten Platte Dead Silence liegt, noch einmal zusammenzufassen. Wir blickten zurück auf dieses Jahrzehnt, das uns wie ein einziger Rausch vorkam, und dachten schon aufgrund dieser Zeitspanne, dass hier ein Abschnitt zu einem Ende kommt. Zudem hatten wir als Band ja von vorneherein geplant, aus den ersten drei Alben eine Trilogie zu machen; als diese einmal im
Kasten war, stellte sich für uns die Frage: Was kommt jetzt? Wie kann es weitergehen? Was wollen wir sagen und machen? Das Ausformulieren dieser Fragen fand man dann auf Dead Silence. Afraid of Heights liefert nun die Antworten.



Afraid of Heights ist zwar immer noch voll und ganz Billy Talent, bietet aber ein breiteres Spektrum, mit pianogetriebenen Balladen ebenso wie mit Elementen aus Elektronik, Pop oder Classic-Rock. Wolltet ihr damit dem Vorwurf begegnen, dass eure Klangästhetik zu berechenbar ist?

Das ist eher eine willkommene Begleiterscheinung unserer klanglichen Entwicklung. Der Ursprung für diese neuen Elemente liegt aber in zwei anderen Aspekten. Zum einen komponiere ich bereits seit einigen Jahren immer mehr am Piano und nicht auf der Gitarre; das konnte man den fertigen Songs bislang aber nie anhören, da ich die Kompositionen, wenn sie einmal standen, stets auf unsere klassische Besetzung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug übertragen habe. Das Piano wurde vorsätzlich eliminiert, und nun habe ich mich gefragt: warum eigentlich? Warum nutzt man diesen klanglichen Reichtum nicht, um die eigene Musik interessanter zu machen?

Und der andere Aspekt?

Der zweite Grund findet sich in der Arbeitsweise: Mittlerweile arbeiten wir fast ausschließlich in unserem eigenen Studio, was uns jeden Zeit- und Gelddruck nimmt und damit Raum schafft für mehr Experimente.
Für Afraid of Heights habe ich mir vier Monate Zeit genommen, jeden Song in seinem finalen Klangbild immer wieder neu anzudenken, bis ich mir sicher war, dass alles passt. So kommt es auch, dass wir zum ersten Mal unseren sonst üblichen Veröffentlichungszyklus gesprengt haben: Bislang erschien ziemlich genau alle drei Jahre ein neues Album von uns, jetzt haben wir vier gebraucht. Was aber nicht so schlimm war – dank der Best-of-Platte zwischendurch [lacht].

Hast du für diese neuen Sounds dein Equipment verändert? Andere Amps und Gitarren gespielt?

Ich habe viel herumprobiert, bin dann aber meist doch wieder zu meinem gewohnten Equipment zurückgekehrt. Ohnehin bin ich ja recht puristisch, was etwa die Verwendung von Fußpedalen anbetrifft, und zudem fest davon überzeugt, dass man Crunchiness nicht dadurch erzeugt, dass man eine Art Effekt-Overkill betreibt. Viel wichtiger sind die akkurate Einstellung des Amps sowie die Mikrophonierung bei den Aufnahmen. Der Hauptunterschied liegt wohl darin, dass ich diesmal sehr viele Parts mit meiner Les Paul Junior eingespielt habe, die ich sonst meist nur für ein paar druckvolle Overdubs benutzt habe, während meine bisherigen Hauptgitarren im Studio, eine Fender Jaguar und eine ’52er Tele, nun eher die Rolle des verzierenden Elements übernommen haben. Sie haben also gewissermaßen die Rollen getauscht. Aber sonst bin ich ein Anhänger der Formel „Never change a winning team“.

Afraid of Heights: Typisch Talent, doch erweitert um einige Synthie- und Piano-flächen sowie eine gegenläufig besonders rauhe Gitarre.

Eine andere unwillkommene Veränderung dürfte die bandinterne Chemie sicher ordentlich durchgeschüttelt haben: Zum ersten Mal in der über 20-jährigen Bandgeschichte musstet ihr aufgrund der MS-Erkrankung eures Drummers Aaron Solowoniuk eine Platte mit einem anderen Musiker aufnehmen. Wie hat sich das angefühlt?

Gut und schrecklich zugleich. Es war natürlich niederschmetternd, als Aaron uns mitteilen musste, dass er an den Aufnahmen nicht würde teilnehmen können. Zum Glück wussten wir in Jordan Hastings [Alexisonfire] nicht nur einen großartigen Drummer, sondern auch einen engen Freund der Band, und letztlich war es Aaron selbst, der uns darin bekräftigte, mit ihm zu arbeiten. Die Arbeit selbst hingegen war pures Vergnügen – Jordan ist ein unglaublich feiner Mensch und brillanter Musiker. Als er zusagte, den Job zu übernehmen, ging er erst mal zwei Wochen mit Aaron in den Proberaum, um sich von ihm sämtliche Rhythmen und Feinheiten seines Drummings zeigen zu lassen. Denn er sagte von Anfang an: „Ich bin nur die Aushilfe, und deshalb ist es mir wichtig, dass man so wenig wie möglich hört, dass da ein anderer Drummer spielt.“ Er hat Aarons Spiel bis ins kleinste Detail adaptiert und das dann auf die neuen Songs übertragen. Und sobald Aaron wieder fit genug ist, wird er auch wieder dabei sein.

Apropos Tourneen: Abgesehen von eurer kanadischen Heimat ist Deutschland euer Hauptmarkt; in den USA etwa seid ihr eine vergleichsweise kleine Nummer. Was glaubst du: Warum stehen gerade die Deutschen so auf euch?

Das klingt jetzt vielleicht anbiedernd, aber es ist meine Überzeugung: Weil die deutschen Musikhörer leidenschaftlicher und ehrlicher sind als die der meisten anderen Nationen. In den USA beispielsweise ist eine Band dann groß, wenn sie im Trend liegt; wie aufrichtig oder ambitioniert sie ist, spielt jedoch kaum eine Rolle. Hier hingegen habe ich das Gefühl, dass man sich wirklich damit auseinandersetzt, was wir machen, musikalisch wie inhaltlich. Hier wird nicht einfach eine Zeile stumpf mitgebrüllt, sondern man spürt, dass man sich Gedanken zu ihrem Inhalt gemacht hat. Das merke ich auch gerade in Bezug auf das neue Album, bei dem es viel um gesellschaftliche Fallhöhe, die Angst des Individuums vor Veränderungen und ähnliches geht. Dies wird hier in Interviews ständig thematisiert. In den Staaten hingegen kaum. Kurz: Es steckt viel Leidenschaft und Tiefenschärfe in den Deutschen. Gerade deshalb sind wir so froh und zufrieden, dass man uns hier so mag – was wir wiederum dadurch honorieren, dass wir uns in Deutschland bei jedem Konzert komplett verausgaben.

 

Text: Sascha Krüger
Foto: Getty Images

Das vollständige Interview sowie weitere Storys und Equipment-Tests findet ihr in der guitar 09/2016.


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