Interview: Harry Alfter/Brings – Sound im Autokino

In Zeiten strenger Hygiene-Auflagen aufgrund Covid-19 ist es dieser Tage für Musiker sehr schwer geworden, überhaupt einen Cent zu machen. Die Kölner Brings waren die erste Band, die mit ihren Auto-Kino-Konzerten aus der Not heraus einen kleinen Lichtblick für die Live-Branche setzen konnte. Wir sprachen mit Gitarrist Harry Alfter über neue Chancen von Autokinos, hupenden Beifall und guten Sound über Autoboxen …
 
Harry Alfter Brings live on stage
Foto: Jörg Hüster/Jott
 
Harry, ihr seid die erste Band überhaupt gewesen, die aus der Not quasi eine Tugend gemacht und Konzerte in Auto-Kinos organisiert hat. Jetzt haben ein ganze Reihe Künstler nachgezogen. Wie kamt ihr auf die Idee, in Autokinos zu spielen?

Harry Alfter: Unser Manager Christian [Kleinehr – d. Verf.] hatte die Idee dazu. Der hat immer so Business-Ideen … es war wohl so, dass er gesehen hatte, dass das Auto-Kino in Porz auf hatte. Und dann dachten wir uns, Mensch, wenn es erlaubt ist, dass zwei Leute in einem Auto zusammen sitzen dürfen, um einen Film zu schauen, dann sollten wir das mal als Band ausprobieren. Peter [Brings, voc – d. Verf] sagte zwar anfangs, „Quatsch, dat krisste nich’ jeregelt …“ Unser Manager Christian, der auch noch Düsseldorfer ist, hat das aber auf die Reihe bekommen …

Ja wie, als Kölner Band habt ihr einen Manager aus Düsseldorf ?

Ja, das glaubt man erstmal nicht, ist aber so. Und Christian ist so’n Typ, wenn der sich was vor nimmt, dann zieht der das auch durch. Der hat dann richtig Gas gegeben und ist an die Gesellschafter dieser Autokinos herangetreten – in Porz und in Essen, da gibt es mehrere. Und die fanden die Idee natürlich super. Das Problem ist dabei immer, dass du Auflagen erfüllen musst.

Welche Auflagen gab es für euch?

Wir haben beim ersten Konzert die Auflage bekommen, dass wir bis zu dem Moment, in dem wir auf der Bühne spielen, noch auf der Bühne Masken tragen müssen. Wir haben uns natürlich gefragt, wie wir mit Masken denn singen sollen. Mir kam dann spontan die Idee, dass wie Slipknot zu machen und eine richtige Maske anzuziehen. Das war krass. Das Ordnungsamt war beim ersten Gig überall, die haben alles gecheckt. Das war wie im Film.


Wie hat sich das während des Gigs angefühlt?

Das Geile war, dass sobald wir loslegten, alle plötzlich als direkte Reaktion mit dem Hupen anfingen. Oder nach einem Gitarrensolo wurde gehupt statt geklatscht … das ist dann schon geil. Wo hat man das sonst schon mal? Dass das Ganze auch nicht so geil sein kann, mussten wir dann nach dem Konzert feststellen …

Wieso? Was ist passiert?

Nach zwei Stunden Konzert-Gehupe haben sich natürlich direkt die ersten Anwohner beschwert. Beim nächsten Konzert sind dann aber alle Besucher angehalten worden, nur am Anfang und am Ende des Konzerts zu hupen. Zwischendurch war die Lichthupe selbstverständlich ok.

Wie habt ihr den Sound live umgesetzt?

Die Musikanlagen in den heutigen Autos sind im Durchschnitt sehr gut. Das Ganze läuft einfach über eine Sendefrequenz, die die Leute direkt in ihrem Auto einstellen können. Darüber bekommen sie den Sound aus dem Pult- und den, der über die Extra-Atmo-Mikros direkt von der Bühne aus ins Auto kommt. Die Atmo-Mirkros wollte ich unbedingt zusätzlich haben, und das klang tierisch. Wir spielen jetzt noch einige Konzerte in Autokinos.

Und die Leinwände werden ja auch noch bespielt …

Ja, das ist von der Technik her weit aufwändiger, weil du dafür zusätzliche Kameraleute und die Übertragungs-Technik für die Leinwände brauchst. Es gibt da mittlerweile zig „Nachahmer“, die sich mit ihrer Band einfach auf den Ikea-Parkplatz oder so stellen, und vielleicht links und rechts zwei kleinere LED-Leinwände aufstellen. Das kann man aber nicht mit einem Gig samt riesiger Leinwände in einem Autokino vergleichen. Die Leinwand in einem Autokino wirkt von der Dimension dagegen eher wie ein Fußballfeld. 

Findest du es nicht auch abgefahren, dass Autokinos jahrelang keinen mehr so richtig interessiert haben, weil sie den Ruf hatten, „altbacken“ zu sein. Jetzt bieten sie plötzlich dank moderner Technik eine völlig neue Perspektive …

Meine Tochter war erst kürzlich im Autokino, um sich einen Film dort anzuschauen. Und mal ehrlich, Autokinos haben auch ganz klar Vorteile und sind im Grunde viel spannender als normale Kinos: Du hast deine Ruhe, du kannst im Auto ’n Bierchen trinken, im Auto rauchen oder an die Taco- und Burger-Bar gehen. Man kann schon von einer Renaissance der Autokinos sprechen.

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Wie viel Leute sind da so im Schnitt bei einem Konzert?

Wir hatten in Bottrop an zwei Tagen jeweils 500 Autos – in Köln das Gleiche. Das Hauptproblem war am Anfang aber, dass wir die ersten waren und die Stadt erstmal gesagt hat, dass das nicht gehen würde. Dann haben wir gesagt, dass wir die Einnahmen des ersten Tages komplett ans Krankenhaus spenden würden. Dann hat das Ordnungsamt sein OK gegeben. Zu viel verdient hast du bei Konzerten dieser Art eh nicht …

Was meinst du damit?

Das ist so eine Redensart. Auch wir müssen nach jedem Konzert unsere Crew davon bezahlen. Es ging uns bei den Autokino-Konzerten nicht darum, in erster Linie daran zu verdienen. In den dreißig Jahren, die es die Band jetzt schon gibt, hatten wir zudem noch nie so viel internationale Presse. Plötzlich wollte die BBC und sogar russische Zeitungen ein Interview mit uns. Und alle haben uns gefragt, wie wir das denn nun gemacht haben. Jetzt machen es die Amis auch … und die Rapper Sido und Kollegah haben uns das dann auch nachgemacht … [lacht]

Es ist klasse, dass ihr einen Weg gefunden habt, aus der Not eine Tugend zu machen, um irgendwie auch zurück zu einer neuen „Normalität“ für alle Beteiligten zu finden …

Wie siehst du das Live-Geschehen in einem halben Jahr?Ja, man muss halt versuchen, was draus zu machen. Und plötzlich klingelte sogar bei Peter der Udo Lindenberg durch, um ihm zu sagen, dass das ’ne gute Idee war. Das war schon ’ne coole Situation. Wie gesagt, wir haben unserer Crew gegenüber als Künstler auch eine Verantwortung. Wenn wir keine Gigs spielen, wird es bei denen auch eng. Unseren ausverkauften Polka-Abend-Gig in der Köln Arena haben wir erst kürzlichkomplett abgesagt. Die meisten Leute glauben oft, dass wir hauptsächlich mit dem Karneval verdienen. Der Karneval macht aber nur ungefähr ein Viertel unseres Business’ aus. Den Rest verdient man über solche Konzerte, die übers Jahr verteilt stattfinden.    

Ich denke schon, dass man mal wieder spielen kann – so kleinere Sachen wie Clubs. Großveranstaltungen wird es wohl eher nicht so schnell geben. In der Köln Arena sind augenblicklich Veranstaltungen mit 1000 Leuten geplant … 

Im Ernst?

Ja, da kannst du dir dann Steve Garrett mit Boxen und Trennwänden anschauen.