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„Wie würde es Leslie spielen?“ – Workshop mit Jared James Nichols

Nach dem Tod von Mountain-Gründer und -Frontmann Leslie West im Dezember 2020 ist es an der Zeit, sich von diesem Hardrock-Urgestein der ersten Stunde gebührend zu verabschieden. Mit Blues-Wunderkind Jared James Nichols hat guitar den passenden Mountain-Experten an Land gezogen, der für einen exklusiven Leslie-West-Workshop Einblick in seine Lieblings-Mountain-Riffs, von ihm inspirierte Songs und zeitlose P-90-Sounds gibt. 

Gold Glory 2 2021 By Mitch Conrad Hi Res

 

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Auch in unserer Podcast-Folge 29 waren Jared, Leslie und der P-90 Thema bei Stephan und Marcel ...

0 „Wie würde es Leslie spielen?“ – Workshop mit Jared James Nichols

 

Hi Jared, wie geht’s dir überhaupt?

Mir fehlt das Touren wirklich unglaublich und natürlich auch in Deutschland zu spielen. Als die Pandemie so richtig los ging, war ich im März ja gerade auf Deutschland-Tournee – allerdings musste die Tour dann abgebrochen werden und für mich ging es wieder nach Hause. Gerade schreibe ich an einem neuen Album und übe tatsächlich ziemlich viel. Wenn ich auf Tour bin, habe ich eigentlich gar nicht viel Zeit zu üben, deshalb tut es richtig gut, dass ich mir aktuell die Zeit für meine Gitarre nehmen kann. Aber mal im Ernst, ich kann es kaum erwarten wieder unterwegs zu sein – ich brauch das einfach. 

Im Dezember ist Leslie West, Gründer der Hardrock-Band Mountain, mit 75 Jahren verstorben. Auf Instagram schreibst du, dass er zu deinen größten Gitarrenhelden gehört und auch der Grund für dich war, zur elektrischen Gitarre zu greifen. Wie kam es dazu?

Als ich Leslie West zum ersten Mal hörte, war das wirklich etwas ganz Besonderes. Wie er seine Noten bendet, besonders wie er seine Gitarre regelrecht manipuliert und auch der Gitarrensound haben mich angesprochen. Der Song „Mississippi Queen“ hat mich einfach nur umgehauen. Natürlich liebe ich die großen Gitarristen wie Jeff Beck, Peter Green, Paul Kossoff oder Stevie Ray Vaughan. Aber wenn ich Leslie West höre, ist das nochmal etwas ganz anderes. Er hat mir den entscheidenden Input gegeben, mein Power-Trio zu gründen. Auch wenn Mountain ja aus vier Mitgliedern bestand, ging es für mich immer um Leslie, seine Riffs und seinen unglaublichen Groove an der Gitarre. 

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Erinnerst du dich noch daran, als du ihn das erste Mal gehört hast?

Ja, da war ich sechs Jahre alt und „Mississippi Queen“ lief im Radio. Ich habe zwar erst mit 15 Jahren das Gitarrespielen angefangen, aber ich kannte Leslie da schon und hatte ein Gefühl für den Sound, bevor es mir überhaupt in den Sinn kam, zur Gitarre zu greifen. Als ich dann anfing Gitarre zu spielen, lernte ich die Mountain-Songs vom Album Climbing! und erinnere mich noch ganz genau daran, wieviel Spaß ich damit hatte. Die Art, wie er die Songs spielte, hat mich total beeinflusst und tut es bis heute noch. Mein Vater hat mir dann in jungen Jahren auch „Nantucket Sleighride“ gezeigt, wo er diesen „Walgesang“ macht, wie ich es gerne nenne. Also, dass er das Volume-Poti zurückgedreht hat, ein Bending macht und es dann langsam aufdreht. Als ich das dann zum ersten Mal hörte dachte ich mir nur: „Was ist das für ein Geräusch?“ Spannend ist aber auch, obwohl wir natürlich alle Jimmy Page oder Eric Clapton lieben, dass Leslie bereits in den Anfangstagen des Hardrock dabei war. Er brachte Blues und Rock’n’Roll zusammen, ließ dabei aber noch viel mehr Punch und Aggression einfließen. 

Ich finde den Sprung sehr spannend, den er von seinem Solo-Album Mountain (1969) zu dem ersten Mountain-Album Climbing! (1970) innerhalb eines Jahres gemacht hat. 

Absolut! Auf seinem Debütalbum hatte er schon jede Menge Ideen, aber mit Climbing! war das auf einmal ein ganz anderes Level. Seine Riffs und Licks waren aus technischer Sicht eigentlich gar nicht mal so schwer zu spielen, aber sein Tone macht den Unterschied. Ich sage immer, dass seine Les Paul Junior mit dem P-90 und dem Sunn-Coliseum-Verstärker wie ein Grizzly-Bär klingt. Wenn du seinen Sound hörst, weißt du, dass es abgehen wird. Es gibt auch so unglaublich gute Bootlegs, wie Live At The Fillmore East, dass Mountain an Silvester 1970 aufgenommen haben. Das Konzert ist also genau in dem Zeitraum, als Climbing! herauskam und kurz bevor Nantucket Sleighride veröffentlicht wurde. Sein Gitarrenspiel ist da wild und gleichzeitig wahnsinnig gefühlvoll. Das hört man auch sehr gut beim Song „Theme For An Imaginery Western“.

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Beim letzten Song „Boys In The Band“ von Climbing! wirkt sein Gitarrenspiel auch so kraftvoll, aber gleichzeitig auch sehr fragil. 

Black Sabbath haben ja früher auch für Mountain auf ihren ersten Touren eröffnet und der Legende nach hörte Ozzy Leslie West spielen und sagte zu Tony Iommi, dass er unbedingt eine P-90-Gitarre brauche. Als ich meine eigene Band gründete, hatte ich auch so viele Ideen von ihm übernommen. Zum Beispiel wie man einen breiten Sound mit einem Trio hinbekommt. Seine Powerchords auf der A-Saite hat er immer mit der tiefen Quinte auf der E-Saite erweitert. Wenn man den E-Powerchord am siebten Bund spielt, hat er den Zeigefinger auch noch auf den siebten Bund auf der E-Saite gelegt. Das hört man beim Opening-Track „Don’t Look Around“ von Nantucket Sleighride sehr gut. Sein Rhythmusgefühl war aber auch sehr besonders. Egal ob er eine Leadmelodie spielte oder in den tiefen Lagen groovte, er wusste immer, was er spielen musste. Das ist bei uns Gitarristen ja besonders gefährlich, da wir gerne dazu tendieren es zu übertreiben –aber Leslie spielte nie zu viel.

Hast du ihn jemals live gesehen?

Ja, und ich habe sogar schon mit ihm zusammen gespielt! Das war in B.B. Kings Blues Club in New York, als ich für Leslie West die Show eröffnen durfte, ich denke das war 2018. Ich bin dann rübergeflogen und war den ganzen Tag so unglaublich nervös. Das anstehende Treffen hatte für mich denselben Stellenwert, wie wenn ich Jimi Hendrix oder Eric Clapton getroffen hätte. Ich hatte aber auch Angst, dass er mich am Schluss gar nicht mögen würde – es heißt ja, dass man seine Helden niemals treffen sollte. Als wir dann im Club waren, hatte er einen Techniker, der den Soundcheck für ihn übernommen hat und Leslie war irgendwo Backstage. Als ich mit dem Soundcheck dran war, wusste ich gar nicht, was ich spielen soll, weil ich so aufgeregt war und habe einfach zu riffen angefangen. Plötzlich höre ich nur hinter mir ein „Woah“ und schon war Leslie hinter mir und meinte nur: „Your sound kicks ass!“ Das war für mich der Ritterschlag. Wir sind danach auch abgehangen und er hat mir so viele coole Geschichten erzählt. Wir kamen dann auf meine Musik zu sprechen und er sagte, dass ich ziemlich coole Licks und Riffs hätte. Ich erwiderte dann, dass ich sie alle von ihm hätte, worauf er nur antwortete: „Dann muss ich sie wohl wieder zurücklernen“, und lachte.

Welches Album würdest du Neueinsteigern empfehlen?

Wer in sein Gitarrenspiel und seinen Gesang eintauchen möchte, dem kann ich das Mountain-Debüt Climbing! empfehlen. Da kriegt man wirklich die volle Ladung. Danach auf jeden Fall noch Nantucket Sleighride und Flower Of Evil. Und dann natürlich noch das Live-Album The Road Goes Ever On.

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Auch Equipment-technisch wandelst du ja auf den Spuren deines großen Vorbilds …

Gerade halte ich meine brandneue Signature-Gitarre von Epiphone in der Hand – Gold Glory! Das ist bereits meine zweite Signature-Gitarre und der Nachfolger von Old Glory, die bereits sehr erfolgreich war und sich zu hundert Prozent auf Leslie West beruft. Als ich ihn das erste Mal mit seiner Les Paul Junior spielen sah, mit nichts weiter ausgestattet als einem P-90-Tonabnehmer am Steg, dem Volume- und Tone-Regler und der Wrap-Tail-Bridge, hat mich sein monströser Sound einfach umgeworfen. Ich liebe zwar die Les Paul Junior, aber ich bin auch recht groß und dachte mir, wie toll es doch wäre, wenn ich eine reguläre Les Paul mit einem einzelnen P-90 hätte. Ich hatte ja schon eine Les-Paul-Custom und habe dann den Hals-Tonabnehmer inklusive der entsprechenden Potis und dem Toggleswitch entfernt.

Der Sound kommt also komplett aus den Fingern und es liegt an dir, alles rauszuholen. Als Verstärker habe ich ja meinen Blackstar JJN20R, der mit seinen 20 Watt genau das richtige Maß an Headroom und Lowend hat, ohne so übertrieben laut wie ein 100-Watt-Topteil zu sein. Ich vergleiche es immer gerne mit einem kleinen Auto, bei dem man auf das Gaspedal tritt. Dort spürt man die Beschleunigung richtig und kann ohne Bedenken Vollgas geben. Bei einem großen Monster-Truck hingegen müsste man immer aufpassen, dass man es mit der Power nicht zu sehr übertreibt. Ich bekomme mit dem Blackstar-Verstärker genau den Sound hin, der mir vorschwebt – und das wirklich nur, indem ich mit dem Volume- und Toneregler meiner Gitarre arbeite und den eingebauten Blues-Power-Kanal aktiviere. Egal ob ichs gerade eher traditionell mag oder doch lieber aggressiv, mit dem Blues-Power-Kanal bekomme ich immer genau den Sound, den ich brauche.

Du hast ja für uns auch extra deine Lieblings-Mountain-Riffs eingespielt sowie eigene Songs, bei denen du von Mountain inspiriert wurdest.

„Mississippi Queen“ (Beispiel 1) habe ich ausgesucht, weil es für mich von Leslies Riffs den höchsten Wiedererkennungswert hat. Das Beispiel zeigt auch, wie er einerseits ein klassisches Rhythmus-Riff mit einem aggressiven Blues-Lick kombiniert, das nach Hardrock klingt. Außerdem ist das Riff in Dur gehalten, geht dann aber in Moll über, was jeder Gitarrist mal ausprobieren sollte. 

Jjn Bsp 1

„Mississippi“ Queen ist ja auch der Signature-Song von Leslie West. Was kannst du uns zu „Nantucket Sleigh-ride“ erzählen? (Beispiel 2) 

In „Nantucket Sleighride“ kommen genau die erweiterten Powerchords zum Einsatz, von denen ich dir vorhin schon erzählt habe. Ich lege also meinen ganzen Zeigefinger über den siebten Bund und den Ringfinger auf den neunten Bund – und schon lässt sich das gesamte Riff durchspielen. Das klingt zwar sehr simpel, aber eigentlich passiert eine Menge. Wenn man das Riff ohne die E-Saite spielt, würde einfach etwas fehlen. Wichtig ist dabei auch das Vibrato, da hat Leslie entweder gerne langsame, ausufernde Vibratos gespielt, oder sehr kurz und aggressiv. 

Jjn Bsp 2

Wie schaut es mit deinem dritten Mountain-Riff „Never In My Life“ (Beispiel 3) aus?

Es ist einfach das coolste Pentatonik-Hardrock-Riff das jemals geschrieben wurde und es macht wahnsinnig viel Spaß dazu zu jammen. Ich habe mal gehört, dass Jimi Hendrix im Studio nebenan an Electric Ladyland gearbeitet hat, während Mountain an Climbing! gewerkelt haben. Und wie begeistert Jimi Hendrix angeblich vom Riff von „Never In My Life“ war. 

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Du hast ja auch drei deiner eigenen Songs für uns eingespielt. Was haben die mit Leslie West und Mountain gemeinsam?

Die Songs haben ihre Inspiration unmittelbar von Leslie West. Als ich die Riffs schrieb, stellte ich mir immer die entscheidende Frage: „Wie würde es Leslie spielen?“ Beim Outro von „Take My Hand“ (Beispiel 4) schreien einen Mountain geradezu an. Ich bin auch schon immer der Meinung, dass Leslie The Who sehr nahestand und diese Verbindung habe ich auch mit meiner aktuellen Single „Threw Me To The Wolves“ (Beispiel 5) herausarbeiten wollen, er hatte auch mal mit The Who einen Song aufgenommen, der allerdings leider nie öffentlich veröffentlicht wurde. („Baby Don’t You Do It“, Anm. d. Red.) Als ich den Song schrieb, hatte ich bereits die Gesangs- und Picking-Parts. Wenn dann aber das Riff kommt, fühlt sich das an, wie wenn man die Ärmel hochkrempelt und so richtig loslegt. Letzten Endes geht es ja um die Musik – und was gibt es schöneres als die mit einem tollem Riff anzureichern?

Jjn Bsp 4

Jjn Bsp 5

Der dritte Song von dir ist ja „Keep Your Light On Mama“ (Beispiel 6), da hört man am Anfang sogar den Verstärker brummen!

Das gehört für mich einfach zum musikalischem Hintergrundrauschen und lässt meine Songs erst lebendig wirken. Bei „Keep Your Light On Mama“ wollte ich einen straighten Blues-Rock-Song mit jeder Menge Feeling und Groove schreiben und einem Riff, dass sich so richtig aufbaut. Ein einfacher, aber dennoch funkiger Song, der im Bandkontext erst so richtig Spaß macht. Dabei sind die Pausen auch sehr wichtig und das richtige Momentum zu erwischen, sich auch mal zurückzunehmen.

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Text: Oliver Strosetzki

Noten: Martin Weiß

Soundfiles: Jared James Nichols

Fotos (in Reihenfolge): Mitch Conrad (1, 3) & Jeff Graham (2, 4)

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